CHUN 11 (1995)

CHUN 11 (1995)

» PDF-Version

DOKUMENTATION

BEITRÄGE

  • Heidi Brexendorff: Ausgewählte Lehrmethoden und Übungsformen in Intensivkursen unter besonderer Berücksichtigung des Methodenwechsels
  • Wolfgang Haagen: Vom Easy Reader zur Originallektüre
  • Fanny Fung-Becker: Leistungsmessung im Fremdsprachenunterricht
  • Marion Lutz: Einige Bemerkungen zum flüssigen Ausdrucksvermögen von Lernern der chinesischen Sprache als Kriterium bei der Leistungsbewertung

CHINESISCHUNTERRICHT IM ÜBERBLICK

  • Peter Kupfer: Neueste Daten zum Chinesischunterricht an deutschsprachigen Hochschulen
  • Marion Messerer: Erfahrungsbericht über die Chinese School am Middlebury College 1994, Middlebury, Vermont, USA
  • Eine Leiter an die Chinesische Sprachmauer lehnen – Chinesisch an der Universität Ulm
  • Studien- und Weiterbildungsangebot des Ostasien-Instituts Düsseldorf

REZENSION

  • Dorothea Wippermann: Feng, Zhiwei. Die chinesischen Schriftzeichen in Vergangenheit und Gegenwart. Trier, 1994

NACHRICHTEN

MITTEILUNGEN

VIII. Tagung

zum modernen Chinesischunterricht in Hamburg

In der Zeit vom 24. bis 27. 03. 1994 fand in den Räumen der Universität Hamburg die vom Fachverband Chinesisch veranstaltete VIII. Tagung zum modernen Chinesischunterricht statt. Das Tagungsthema lautete: "Neue Lehr- und Lernmethoden und ihre Umsetzung im Chinesischunterricht".

Der Geschäftsführende Direktor des Seminars für Sprache und Kultur Chinas, Prof. Dr. Hans Stumpfeldt, begrüßte als Gastgeber die über siebzig Teilnehmer. Er betonte die Notwendigkeit der Professionalisierung und Spezialisierung der Chinesischausbildung angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung des ostasiatisch-pazifischen Raumes in den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten. In diesem Zusammenhang wies er auf die lange Tradition in Hamburg hin, wo vor 85 Jahren der erste deutsche Lehrstuhl für Sinologie eingerichtet worden war.

Als Vertreter der Wirtschaft ging Dr. Gerd-Winand Imeyer, Vorstandsvorsitzender der Hanse-Merkur Versicherungsgruppe, auf die Sonderrolle Hamburgs in den wirtschaftlich-kulturellen Beziehungen mit China ein. Die auf vielen Gebieten sehr rege Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und Shanghai trage der Tatsache Rechnung, daß China der Markt der Zukunft sei. Seine Ausführungen unterstrich er abschließend mit den ermunternden Worten an die Teilnehmer, "daß die Wirtschaft voll hinter Ihnen steht".

Die Vizepräsidentin der Universität Hamburg, Prof. Dr. Barbara Vogel, knüpfte in ihrem Grußwort ebenfalls an die lange Tradition Hamburgs als "Tor zur Welt" und der Hamburger Universität als Vermittlerin von fremden Sprachen und Kulturen an, wobei hier in der Erkenntnis, daß das Kennenlernen einer Kultur nur über die Sprache erfolgen kann, immer schon die enge Verbindung von Philologie und praktischer Landeskunde im Vordergrund gestanden habe. In diesem Sinne begrüßte sie ausdrücklich die Ziele des Fachverbandes Chinesisch, Kenntnisse der chinesischen Sprache auch außerhalb der Universität zu verbreiten, wie es schon seit längerem an Hamburger Gymnasien und Volkshochschulen geschehe.

In dem einleitenden Referat befaßte sich Peter Kupfer (Universität Mainz), 1. Vorsitzender des Fachverbandes Chinesisch, zunächst mit den bisherigen Konzeptionen und Methodiken der Chinesischausbildung im deutschsprachigen Raum, die systematisch und in größerem Umfang erst seit Ende der 70er und Beginn der 80er Jahre an unseren Universitäten betrieben wird. In diesem Zusammenhang wurden wichtige, auch internationale, Entwicklungen in den letzten Jahren nachgezeichnet, die der Fachverband Chinesisch seit seiner Gründung vor zehn Jahren maßgeblich initiiert und gefördert hat. Ein abschließender Gedankenausflug ins Jahr 2020 verdeutlichte die Dringlichkeit, sich jetzt schon in viel größerem Umfang mit Ostasien und insbesondere mit China in allen Bereichen auseinanderzusetzen und die Fremdsprache Chinesisch baldmöglichst an unseren Schulen zu etablieren sowie die Ausbildung an den Universitäten zu effektivieren.

Die besondere Akzentuierung dieser Tagung, nämlich der intensive Dialog mit Experten der Lernpsychologie und der Sprachlehrforschung, kam an diesem ersten Vormittag bereits in den Ausführungen von Walter Edelmann (TU Braunschweig) zum Thema "Intrinsische und extrinsische Motivation" zum Ausdruck, die vielen der anwesenden Sprachlehrer zum ersten Mal einen Einblick in ein weites Feld der Lernpädagogik und Motivationsforschung sowie ihrer Auswirkungen auf den Fremdsprachenunterricht erlaubte.

Der Nachmittag war der Einführung in die Suggestopädie gewidmet, einer ganzheitlichen, vernetzten Lehr- und Lernmethode, die Pädagogik mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Neurologie, der Psychologie und der Musikwissenschaft kombiniert und den Anspruch erhebt, an die natürlichen Arbeitsweisen der beiden Gehirnhemisphären angepaßte Informationsvermittlung zu betreiben.

In zwei Arbeitsgruppen zum Fremdsprachenunterricht mit suggestopädischen Elementen am Beispiel des Spanisch- bzw. des Japanischunterrichts, präsentiert von Gudrun Friedrich und Margit Holler (Hamburg) bzw. Yoriko Yamada-Bochynek (Berlin), konnten sich die Teilnehmer ein eigenes Bild von den Verfahren dieser sanften, gruppendynamisch orientierten Methode machen, die auf die Rhythmisierung von Anspannung und Entspannung, akustische und optische Reize und die Berücksichtigung aller Lerntypen Wert legt.

Im anschließenden offenen Gespräch mußten die anwesenden Vertreter dieser Methode allerdings konzedieren, daß im normalen Schul- und Universitätsbetrieb für eine konsequente Anwendung der zeitextensiven Suggestopädie keine ausreichenden Rahmenbedingungen vorhanden, bestenfalls also Segmente in den Unterricht übernehmbar seien.

Auch Yumiko Nakakita (Hamburg) betonte in ihrem Referat über das Lernen japanischer Vokabeln mit suggestopädischen Techniken, daß Effektivität bei dieser Methode nur bei optimalen Bedingungen für entspanntes Lernen, extrem umfassender und intensiver Vorbereitung des Lehrers, dessen eigener voller Überzeugung von der Methode, genauer Beachtung der Regeln für die Lernschritte und ausgeprägten Fähigkeiten, bei den Schülern einen Entspannungszustand herbeizuführen, zu erreichen sei.

Das Thema "Moderne Medien im Fremdsprachenunterricht" bildete den Gegenstand des Freitagvormittags. Rolf Schulmeister (Hamburg) stellte unter anderem Fremdsprachenlernprogramme für Computer mit Sprachausgabe per Soundsynthesizer bzw. mit direkt vom Tonband eingespielter Sprache vor und berichtete über die Entwicklung von Lernprogrammen mit integrierten Videos. Auf besonderes Interesse stieß die Demonstration von Sonogrammen und Spektrogrammen als Hilfsmittel für Ausspracheübungen. Mit ihrer Hilfe sind wissenschaftlich unbestechliche Vergleiche der Aussprache von native speakers und Lernenden möglich.

Wie auf nutzbringende Weise Spielfilme und Fernsehserien in den Fremdsprachenunterricht, selbst den Anfängerunterricht, eingesetzt werden können, legte Anton Lachner (Bern) in einem Referat dar, in dem er zunächst auf der Grundlage von Analysen den Nachweis lieferte, daß der bisher zum Sprachenlernen selten verwendete Film für eben diesen Zweck ideal geeignet ist. Anschließend stellte Lachner an einem Beispiel sein didaktisches Konzept der acht Stadien der Filmbehandlung im Fremdsprachenunterricht vor und demonstrierte den Tagungsteilnehmern eindrucksvoll, wie der Fremdsprachenlehrer mit Hilfe rechnergestützter Verfahren beim Einsatz des Videorecorders die Flüchtigkeit des Mediums Film zum didaktischen Nutzen durchbrechen kann.

Grundsätzliche Überlegungen zum sinnvollen Einsatz des Computers im Fremdsprachenunterricht schickte Willis James Edmondson (Hamburg) seinen Ausführungen zum Computer als Hilfsmedium für Lerner voraus. Er betonte, daß die Einsatzmöglichkeiten für Sprachübungen, von denen er zahlreiche vorstellte, zwar vielfältig seien, der Computer aber letztlich nicht mehr als wertfreie Arbeitshilfe, keinesfalls auf technischen Druck von außen hin einzusetzen oder gar als "Computer-Holiday" zu verstehen sei. Damit nahm er gleichzeitig eindeutig Stellung zur im Raum stehenden Frage der im Computerzeitalter drohenden Überflüssigkeit von Lehrern.

Zum Themenblock "Landeskunde im Fremdsprachenunterricht" hielt zunächst Christiane Fraedrich (Hamburg) einen Vortrag über die Entwicklung und Bedeutung des Lernbereichs Landeskunde im Englischunterricht. Sie zeigte, wie sehr sich das Verständnis von Landeskunde überhaupt und die mit ihr verbundenen Lernziele in diesem Jahrhundert verändert haben. Dabei geht die Entwicklung vom Reiseführercharakter über die Kulturkunde, die Institutionenkunde und die pure Alltagsperspektive bis hin zum modernen Themenkanon und themenübergreifenden Projektunterricht heute.

Es folgte eine beeindruckende Präsentation von Schülern des Hamburger Walddörfer-Gymnasiums, die demonstrierte, zu welchen sprachlichen Leistungen Gymnasiasten trotz beschränkter Stundenzahl im Wahlunterricht bzw. in Arbeitsgemeinschaften nach einigen Jahren geführt werden können. Die Schülerinnen und Schüler boten zunächst ein Gruppenspiel zum Thema Ausländerfeindlichkeit dar, das sie selber entworfen und unter Anleitung ihrer Lehrerin Cheng Yeng im Unterricht eingeübt hatten. Danach trugen sie Referate zum schülernahen Themenkomplex "Erziehung in China" vor, an die sich jeweils eine Art Gruppendiskussion anschloß - wohlgemerkt alles in gut verständlichem, überraschend flüssigem Chinesisch.

Cheng Yeng ergänzte diese mit viel Beifall und auch Aufmerksamkeit seitens des Rundfunks bedachten Vorführungen durch einen Erfahrungsbericht über die pädagogische Arbeit mit den Chinesischschülern und -schülerinnen und den seit längerem gepflegten Hamburg-Shanghai-Austausch, an dem ihre Gruppe beteiligt ist.

Beim nachmittäglichen Empfang der Tagungsteilnehmer im Generalkonsulat der Volksrepublik China strich der Generalkonsul das große Interesse der Volksrepublik an der sprach- und kulturvermittelnden Tätigkeit des Fachverbandes Chinesisch heraus, während Peter Kupfer sich als Vorsitzender des Verbandes für die freundliche Aufmerksamkeit und Gastfreundschaft bedankte, aber gleichzeitig den Wunsch der Mitglieder nach verstärkten Bemühungen Chinas im kulturpolitischen Bereich äußerte und dessen Bedeutung für die Qualität der zukünftigen Beziehungen zwischen den Ländern hervorhob.

Ein gemeinsames Abendessen in einem China-Restaurant zur Feier des zehnjährigen Bestehens des Fachverbands Chinesisch beschloß den zweiten Sitzungstag.

Den dritten eröffnete Zhou Hengxiang (Bochum) mit seinem Referat über Eigenschaften, Darstellung und Vermittlung der chinesischen Töne. Er wies unter anderem auf einige Gefahren des Tönelernens hin, wie etwa die, daß Markierungen mit der tatsächlichen Aussprache identifiziert werden, oder die des isolierten Lernens von Einzeltönen ohne Rücksicht auf den kontextualen Lautzusammenhang bzw. die Abhängigkeit der Tonalität von grammatischen Zusammenhängen.

Aus der Sicht des Fremdsprachenlehrers in den Schulsprachen einerseits und der des Chinesischlernenden andererseits beschäftigte sich Wolfgang Haagen (Hamburg) mit den Möglichkeiten des Einsatzes von Easy Readers im Chinesischunterricht. Er kritisierte, daß die vorhandenen Texte, die diesen Namen tragen, sich - im Vergleich zum Englischen und Französischen - auf zu hohem Niveau befänden. Auch die Bevorzugung von Kurzgeschichten durch die Chinesischlehrer sei äußerst fragwürdig, da in jedem Text zahlreiche neue Wörter vorkämen und damit die Frequenz neuer Wörter viel zu gering sei. Haagen plädierte deshalb für den Roman und legte im folgenden ein Konzept für die mit den Schülern gemeinsam erfolgende Anfertigung eines Easy Reader aus einem Roman vor. Es müßten Texte entstehen, die bei hohem Verständnisgrad eine hohe Lesegeschwindigkeit erlaubten. Die vollständige Beherrschung aller Schriftzeichen sei nicht das Ziel. Die Frage, ob der Roman der Kurzgeschichte vorzuziehen sei, wurde in der anschließenden Aussprache kontrovers beantwortet, die Herausforderung zur Produktion von Easy Readers, v.a. in Zusammenarbeit des deutschen Lehrers mit einem native speaker, aber unterstrichen.

Die als mißlich empfundene Situation, zum Abfragen von chinesischen Vokabeln bzw. Schriftzeichen aus der Familie niemanden engagieren zu können, hat Sebastian Meine (Hamburg), den ehemaligen Schüler einer Chinesisch-AG, auf die Idee gebracht, im Rahmen seiner Facharbeit ein Vokabellernprogramm mit dem Schwerpunkt Zeichenstrichfolge zu entwickeln, das später mit einer Datenbank verbunden werden kann und den Ausdruck von Lernkarten ermöglichen soll. Er stellte den Tagungsteilnehmern seine bisherigen Ergebnisse vor.

Den Samstagnachmittag eröffnete Peter Wittke (Soest) mit einer Bestandsaufnahme des Chinesischunterrichts an Gymnasien, in der er auf die Zahl der Chinesisch anbietenden Gymnasien, Herkunft und Qualifikation der Lehrkräfte, verfügbare Lehrmaterialien, den Stand der Lehrplanentwicklung und die Frage der Aus- und Fortbildung einging. Er verband seine Ausführungen mit der Aufzählung der wünschenswerten nächsten Schritte auf dem Wege der notwendigen Fortentwicklung von Chinesisch als Gymnasialfach.

Heidi Brexendorff (Heidelberg) stellte Lehrmethoden und Übungsformen in Intensivkursen unter besonderer Berücksichtigung des Methodenwechsels vor. In solchen Kursen müßten zunächst unbedingt die verschiedenen Lerntypen, d.h. unterschiedliche Lernstrategien der Studenten, in Betracht gezogen werden, um dann durch Methodenvielfalt und v.a. Methodenwechsel unter Berücksichtigung bewußter und unbewußter Ebenen des Lernens das Leistungsniveau möglichst homogen zu halten. Die Auswahl der im Referat genannten zahlreichen Übungsformen hänge zudem sehr von den Charakteristika der jeweiligen Lerngruppe und dem Temperament des Dozenten ab. Eine positive Unterrichtsatmosphäre sowie verstärkte Einbeziehung kommunikativer Methoden wie die des Rollenspiels seien weitere Bedingungen für erfolgreiches Arbeit in Intensivkursen.

"Infotainment" nennt Erich Gütinger (Berlin) sein Sprachvermittlungskonzept, mit dem er den Bedürfnissen von Teilnehmern an Volkshochschulkursen in Großstädten am besten gerecht werden zu können glaubt. Bei dem vielfältigen Unterhaltungsangebot in der Großstadt und der durch Sparzwänge ausgelösten Gebührenerhöhung für VHS-Kurse gelte es neue Wege zu gehen, um das Interesse der Kursteilnehmer zu wecken und zu erhalten. Der zentrale Gedanke ist dabei die Einbindung der Alltagsaufmerksamkeit der Teilnehmer in den Unterricht durch situationsorientierte, d.h. den jeweiligen Lernmotiven entsprechende, Verfahren. Die Ermutigung zu Eigeninitiativen, um z.B. an Informationen jeglicher Art über China zu kommen oder Kontakte nach China zu knüpfen bzw. zu verbessern, ist damit eng verbunden.

"Leistungsmessung im Fremdsprachenunterricht" hatte Fanny Fung-Becker (Düsseldorf) ihr Referat überschrieben, in dem sie vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen als VHS-Lehrerin den abschließenden Themenblock der Tagung einleitete. In einem allgemeinen Überblick beschäftigte sich die Referentin mit der Frage nach Sinn und Bedeutung von Prüfungen ebenso wie mit den zu prüfenden Sprachbereichen, der Korrektur und Bewertung von Prüfungsarbeiten, der Evaluierung einer Prüfung und schließlich ihrer Erstellung. Veranschaulichende Beispiele aus dem Chinesischunterricht begleiteten die Ausführungen.

Klaus Kaden (Berlin), der über die "Prüfung zum Nachweis chinesischer Sprachkenntnisse" (Hanyu Shuiping Kaoshi, kurz HSK) referierte, zeigte zunächst die Umstände der Entstehung dieser Standardprüfung auf, der sich in den Jahren 1990-93 über 6000 Studierende des Chinesischen als Fremdsprache erfolgreich unterzogen und die seit 1991 auch im asiatischen Ausland sowie in den USA und Kanada, 1994 erstmals in europäischen Staaten stattfindet. Als Grundlage für die Vergabe von Stipendien, die Anstellung in bestimmten Berufen, die Zulassung an chinesischen Hochschulen usw. wird sie zukünftig noch an Bedeutung gewinnen. Einer kritischen Beleuchtung hält sie nach Ansicht des Referenten jedoch nur mit Abstrichen stand. Dazu sei das Prüfungsverfahren zu sehr auf die Prüfungsverhältnisse an der Hochschule für Sprache und Kultur Beijing zugeschnitten, auf rein passive Fähigkeiten und multipe-choice-Verfahren beschränkt, während schöpferische Fähigkeiten und landeskundliche Kenntnisse nicht gefragt seien. Die für in Deutschland Studierende zu hohen Vokabelanforderungen und die rigorosen Prüfungsbedingungen waren weitere Kritikpunkte.

In der anschließenden Diskussion wurden von Tagungsteilnehmer v.a. auch die Anforderungen an die reine Gedächtnisleistung, der Streß erzeugende übertriebene Zeitdruck und die fast völlige Vernachlässigung des kommunikativen Aspekts moderner Sprachausbildung als problematisch bewertet.

Seine konkreten Erfahrungen mit der HSK gab Volker Klöpsch (Köln) wieder, der anläßlich einer Lehrerfortbildung in Beijing zusammen mit einigen Kollegen informationshalber an der Prüfung teilgenommen hatte. Er bestätigte und veranschaulichte mit Hilfe von Originalausschnitten aus Tonbandaufnahmen, wie sehr die Testinhalte und -bedingungen auf asiatische Gewohnheiten ausgerichtet seien und daß es bei der Prüfung selbst für qualifizierte Sprachlehrer schwer sei, den psychischen und physischen Anstrengungen standzuhalten. Er hob einerseits die Bedeutung der HSK u. a. für Spät- und Seiteneinsteiger auch an deutschen Unis, als Beurteilungshilfe für in China Studierende und in anderen Berufen nützlichen Qualifikationsnachweis für Studienabbrecher hervor, sah andererseits jedoch die fehlende Kongruenz mit den an deutschen Unis verfolgten Lernzielen der modernen Fremdsprachenausbildung und den Aspekt der Ungerechtigkeit einer einheitlichen Prüfung für alle Lernstufen infolge der Unverhältnismäßigkeit des auf die Anfänger ausgeübten psychologischen Drucks.

In abschließenden Äußerungen von Tagungsteilnehmern zum Thema HSK wurde darauf aufmerksam gemacht, daß Verbesserungen der Prüfung zwar geplant seien, grundlegende Kritik an den von der HSK anvisierten Lernzielen jedoch schon seit langem über Bord geworfen worden sei. Bei der hohen Zahl von Prüflingen weltweit werde es letztendlich auch fraglich bleiben, ob aktive Elemente in den Prüfungsablauf einbaubar seien. Andererseits sei die HSK eine sehr unabhängige Institution und die Gefahr nicht allzu hoch einzuschätzen, daß die Uni-Institute sich an ihren Inhalten ausrichteten.

In der Abschlußsitzung zur Tagung wurde diese als in jeder Beziehung gelungen bezeichnet, die thematische Zusammenstellung und der durch hervorragende Organisation garantierte reibungslose Ablauf gelobt. Besondere Erwähnung fand die kollegiale Atmosphäre, die auch von den anwesenden Studenten, deren Teilnahme materiell und inhaltlich berücksichtigt worden war, hervorgehoben wurde. Als Gewinn wurden vorrangig die Diskussion didaktischer Ansätze aus anderen Fremdsprachen genannt, die Weitung des Blicks hinsichtlich neuer didaktischer Möglichkeiten, etwa durch den Computer, und die Teilnahme von Vertretern anderer Bereiche an dieser Tagung, wodurch Chinesisch und die Anliegen des Fachverbandes über den eigenen Fachbereich hinaus und in den Schulbehörden zukünftig besser wahrgenommen würden.

Am Montag nach Ende der Tagung fand anläßlich der Eröffnung des Internationalen Fremdsprachenkongresses im Hamburger Kongreßzentrum die feierliche Aufnahme der Fachverbände Chinesisch und Japanisch in den FACHVERBAND MODERNE FREMDSPRACHEN (FMF) statt. In Anwesenheit von Vertretern der Fremdsprachenverbände, des Hamburger Senats, der Universität und der Wirtschaft stellte Dr. Peter Kupfer als Vorsitzender des FaCh den Kongreßteilnehmern Aufgaben und Ziele des Verbandes vor und leistete seine Unterschrift unter das offizielle Aufnahmedokument. Ein gemeinsames Essen der Vorstände des FMF, des Japanischlehrerverbandes und des FaCh diente zum persönlichen gegenseitigen Kennenlernen. In Präsentationsveranstaltungen hatten die Vorstandsmitglieder der neu aufgenommenen Fachverbände Gelegenheit, interessierten Kongreßteilnehmern ihre Organisation näherzubringen.

Mit der Aufnahme in den Dachverband für moderne Fremdsprachen sind für den Fachverband Chinesisch Hoffnungen auf eine deutliche Stärkung seiner Interessenvertretung verbunden.

Hans-Christoph Raab

Wirtschaft und Chinesischunterricht

- Einige Anmerkungen zur Eröffnung der VIII. Tagung zum modernen Chinesischunterricht -

Vielleicht kennen Sie das alte Wort: "Tübingen ist eine Universität, Göttingen hat eine Universität, Hamburg leistet sich eine Universität." Alle drei Aussagen passen nicht mehr in die heutige Zeit, die Universitäten erleben und erleiden einen Funktionswandel. Damals, vor 75 Jahren, als die Universität Hamburg gegründet wurde - unter kräftiger Mitwirkung meines Vorgängers Otto Franke übrigens -, galt das Wort "Hamburg leistet sich ...". Heute müssen die Universitäten viel stärker mit anderen öffentlichen Aufgaben konkurrieren - um Ansehen, Mittel und Verantwortungsbereiche. Die Universitäten sollten nicht klagen, sondern sich der neuen Verantwortung gegenüber der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit stellen - und zwar voller Selbstbewußtsein. Denn die Universitäten stehen mehr als früher im Wechselspiel der gesellschaftlichen Kräfte.

Ein bescheidener und vorläufiger Beitrag hierzu ist diese Tagung. Für Ihre Teilnahme und die unterschiedlichen Beiträge zu ihrem Gelingen danke ich Ihnen herzlich. Drei Ziele hat diese Tagung in meinen Augen:

  • Verbesserung, will sagen Professionalisierung des Chinesischunterrichts auf allen Ebenen;
  • weitere Schritte zur Einführung eines regulären Chinesischunterrichts an weiterbildenden Schulen;
  • das Nachdenken über eine größere Anwendungsnähe des Chinesischunterrichts.
  • Mit diesem letzten Punkt meine ich nicht die Fähigkeit, in China Eisenbahnkarten für eine Rundreise zu ergattern - so schwierig das immer war und erst recht heute ist -, sondern ich denke dabei an folgende Namen:

    • Johann Achelis & Söhne, Bremen
    • Berenberg Bank, Hamburg
    • Deutsche Bank AG, Hamburg
    • Dresdner Bank, Frankfurt
    • Hüpeden & Co., Hamburg
    • Jebsen & Jessen, Hamburg
    • C. Melchers GmbH & Co., Bremen
    • Miles Handelsgesellschaft International mbH & Co., Hamburg
    • Nordmann, Rassmann GmbH & Co., Hamburg
    • Carl Tiedemann, Hamburg

    Sie haben erkannt, daß diese Namen für Unternehmen aus der hanseatischen Wirtschaft stehen. Diese Unternehmen haben durch Geldspenden unsere Tagung gefördert. - Die Wirtschaft hat ihren Teil getan, als Vorleistung wohlgemerkt. Es ist jetzt an uns, aus Universität und Sprachlehre, dem zu entsprechen.

    Professorin für Geschichte und Vizepräsidentin unserer Universität ist Frau Dr. Vogel. Herr Dr. Imeyer ist der Vorstandsvorsitzende der Versicherungsgesellschaft Hanse-Merkur, Konsul überdies, - und über die Nachhaltigkeit seines Engagements für soziale Belange, aber auch für China, den Chinesischunterricht und den Schüleraustausch mit Shanghai könnte ich lange erzählen.

    Diesen beiden danke ich sehr herzlich dafür, daß sie ganz unmittelbar meiner Bitte, die Teilnehmer dieser Tagung zu begrüßen, entsprachen. Andeutungsweise kenne ich ihre gegenwärtigen Belastungen, aber ich wünschte mir, daß Vertreter aus Wirtschaft und Universität gleichermaßen den Hintergrund dieser Tagung bildeten.

    Schmunzelnd ergänze ich, daß ein bedeutender Mann der Wirtschaft in schwierigen Zeiten spontan seine Zeit für uns gab, während in der Universität erst Zuständigkeiten geklärt werden mußten. - Noch einmal: Wir wollen, auch hier im "Philosophenturm", uns nicht an akademischen Glasperlenspielen ergötzen, sondern praxisnah und anwendungsorientiert nachdenken. Erst das gibt uns auch den Raum und die Möglichkeit für die "reine" Wissenschaft, die immer in einem dialektischen Verhältnis zum Alltag stehen muß. Nicht wenige alte chinesische Philosophen haben uns das gelehrt.

    Das alte China und die Wirtschaft im gegenwärtigen Deutschland sind sich manchmal näher, als zu vermuten ist:

    • Eine Absolventin unseres Hamburger Seminars, die über einen Wundertext des 6. Jahrhundert promovierte, ist heute - nach Tätigkeiten im Messewesen und in der freien Unternehmensberatung - Chinareferentin im wichtigen Ostausschuß der deutschen Wirtschaft.
    • Ein Absolvent, der über Gelehrtenstreitereien in den beiden ersten Jahrhunderten n. Chr. seinen Doktor machte, arbeitet heute als Mitarbeiter des angesehenen Ostasiatischen Vereins in Hamburg.

    Wer sich durch ein so schwieriges Studienfach wie die Sinologie und die Widersprüchlichkeit längerer Chinaerfahrungen "durchgebissen" hat, der hat nicht eine geradlinige Karriere im Sinn gehabt, aber Flexibilität und eine vielfältige Einsetzbarkeit. Soll ich nicht auch an den "alten Buddhisten" denken, der heute erfolgreich im Stahlgeschäft managt, oder den "Dichter", der plötzlich ebenso erfolgreich den Versicherungsmarkt unter den Hamburger Chinesen erschloß?

    Auch andere Wege vom Studium des Chinesischen und der Sinologie in das Arbeitsleben im Bereich der Wirtschaft haben sich bewährt:

    • Eine Absolventin des Hamburger Seminars arbeitete als Praktikantin bei VW in Shanghai. Sie schrieb ihre Magisterarbeit über die chinesischen Veröffentlichungen über den "Santana". Diese führte zu einer Einstellung als Volontärin bei VW, und heute engagiert sie sich in leitender Position für den Vertrieb von AUDI in Ost- und Südostasien.
    • Die nächste Absolventin, die vor dem Studium der Sinologie eine Ausbildung zur Kauffrau abgeschlossen hatte, absolvierte ein Praktikum bei der Lufthansa AG in Peking. Ihre Magisterarbeit über den Zivilluftverkehr in der VR China wurde von der Lufthansa AG gefördert, und die Übernahme in ein reguläres Arbeitsverhältnis war dann unproblematisch.

    Es ist also möglich, daß wirtschaftliche Interessen und sinologische Examensarbeiten aufeinander abgestimmt werden. Nicht nur im Bereich der Großunternehmen, sondern bei mittelständischen Betrieben könnten klar definierte Formen der Zusammenarbeit angestrebt werden. Die Unternehmen müßten mit uns beraten, was sie an Sprach- und Sachkenntnissen verlangen. Wir sind oft in der Lage, für diese Profile zu sorgen - und vor anderen Bewerbern zu warnen, denen es bei Sprach- und Sachunterricht an der notwendigen Motivation fehlte. Uns an der Universität und im Sprachunterricht fehlt, um zusammenzufassen, die genaue Anforderung der Wirtschaft.

    Mit eigener Verwunderung sah ich gestern auf meinem Schreibtisch die Hochglanzbroschüre einer großen deutschen Bank: "China - Aufbruch in die Weltwirtschaft". Ich sah nicht, an welche Zielgruppe sie sich richtete. Sie erschöpfte sich in allgemeinen Darstellungen, enthielt keinerlei praktische Informationen, genügte sich offenbar als Selbstzweck. Ich als Wissenschaftler entnahm ihr nicht eine einzige Information über chinesische Wirtschaftspraxis, die ich nicht schon vorher kannte und viele wichtige Hinweise fehlten: Hochglanz einfach!

    Wenn Sie meinen Andeutungen folgen, dann steht im Hintergrund dieser Tagung das Thema "Wirtschaft und Chinesischunterricht". Bekanntermaßen ist die Wirtschaft der wichtigste Arbeitgeber für unsere Absolventen. Trotzdem - oder gerade deswegen - gibt es auf beiden Seiten noch Irritationen. Wenigstens eine davon will ich ansprechen:

    Nicht jeder weiß, daß Chinesischunterricht und Sinologiestudium sich fundamental von verwandten Studiengängen wie Anglistik unterscheiden. Ein Anglist kommt erst nach neunjährigem Sprachunterricht an die Universität und hat auch dann noch weiterführende Sprachkenntnisse zu belegen. Ein Sinologe soll am Ende seines Studiums ohne diese neunjährige Vorbereitungszeit die gleiche Sprachkompetenz aufweisen. Eine stärkere Verankerung des Chinesischunterrichts an den Gymnasien und weiterführenden Schulen scheint unerläßlich.

    Nicht jeder macht sich klar, daß ein Anglist an der Universität vor allem auf dem Gebiet der Literatur ausgebildet wird. Was weiß der davon, wie es der britischen Stahlindustrie geht. Von einem Sinologen hingegen erwartet die Öffentlichkeit, daß er eine umfassende landeskundliche Kompetenz besitzt. Diese soll von der Archäologie bis zur Tagespolitik reichen und noch die absurdesten Spezialkenntnisse einschließen. Um diesen Anforderungen zu genügen, müssen neue Unterrichtsformen und Unterrichtsmaterialien entwickelt werden.

    Nicht jeder weiß ferner, daß "gute Chinesischkenntnisse" nicht bedeuten kann, daß man auf Anhieb die Sprache des Hafens, des Maschinenbaus, des Gewürzhandels auf Chinesisch versteht. Schließlich verstehe auch ich als Deutscher das Deutsch der Elektroniker nicht. Ein Ausweg liegt sicher darin, daß wir die Fachsprachen, wenigstens ansatzweise und früher, in den Sprachunterricht integrieren, entsprechende Wörterverzeichnisse zusammenstellen und vor allem den Studenten beibringen, wie man sich solche fachsprachliche Kompetenz eigenständig erwirbt.

    Nicht jeder, abermals, ahnt, daß ein Wirtschaftsboß aus Fukien, Shanghai oder Kanton eine Sprache spricht, die im Verhältnis zum Hochchinesischen wie Bayerisch, Friesisch oder Sächsisch klingt. Die an der Peking-Hochsprache geschulten Ohren unserer Absolventen haben da natürlich mit Verständnisschwierigkeiten zu kämpfen. Zur Verbesserung des Sprachunterrichts gehört also auch, daß die Dialektkunde einbezogen wird. Hierfür sind geeignete Methoden erst noch zu bedenken.

    Natürlich fehlen uns für all das die zeitlichen und finanziellen Voraussetzungen. Das entbindet uns jedoch nicht von der Verpflichtung, die ersten Schritte zu tun - und die nächsten. Wir haben noch weite Wege vor uns in diesem gewaltigen asiatisch-pazifischen Raum. Manchmal erschrecke ich ein wenig angesichts dessen, das wir eigentlich bewältigen müßten. Andererseits sehe ich auch Grund zur Klage:

    Nicht jeder Verantwortliche in Politik und Wirtschaft hat bereits erkannt, daß gute Sprachkenntnisse zu den Voraussetzungen für erfolgreiches wirtschaftliches Handeln gehören. Niemand käme auf die Idee, sich auf dem US-Markt ohne Englischkenntnisse engagieren zu wollen. In dem zukunftsträchtigen asiatisch-pazifischen Raum ist das jedoch die Regel. Man ist auf - nicht selten "windige" - Mittelsmänner angewiesen, bedient sich - auf manchmal unbeholfene Weise - einer Drittsprache ... und wundert sich hinterher über Mißverständnisse, vor allem im Bereich der entscheidenden mittelständischen Unternehmen. Länder wie Japan und Australien sind uns, was solche Sprachkenntnisse angeht, weit voraus, auch Frankreich und Holland in der Nähe. Gute Chinesischkenntnisse sind dort weiter verbreitet und viel selbstverständlicher als bei uns - Ihnen brauche ich das nicht zu erläutern.

    Wohl aber einigen Politikern und Unternehmern! Die Universität Hamburg war immer stolz auf ihren umfangreichen Sprachunterricht. Das waren im letzten Jahrzehnt stets ungefähr 130 Sprachen, die hier unterrichtet wurden. Und heute meint der dafür zuständige Senator, daran könne man in Zuge von Sparmaßnahmen ruhig herumstreichen! Er in seiner Ignoranz hätte die Geschichte der Universität Hamburg studieren sollen:

    Eine der drei Gründungsinstitutionen, aus denen die Universität Hamburg hervorging, war das Kolonialinstitut - neben den Eppendorfer Krankenanstalten und dem allgemeinen öffentlichen Vorlesungswesen zur Bildung des Hamburger Bürgertums. An diesem Kolonialinstitut wurde der erste deutsche Lehrstuhl für Sinologie eingerichtet, zur Verbreitung der Chinesischkenntnisse. Die Tradition des Kolonialinstituts ist uns fremd geworden, aber damals, am Anfang des Jahrhunderts, wußte wohl jeder in Hamburgs Politik und Wirtschaft, daß zwischen Sprachkenntnissen und wirtschaftlichem Erfolg vielfältige und enge Zusammenhänge bestehen. Wenn dieses Bewußtsein nicht wach bleibt, dann müssen wir es erneut in der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit wecken und andererseits auf mehreren Ebenen für vorzügliche Chinesischkenntnisse sorgen. Selbstverständliche Chinesischkenntnisse (oder solche im Koreanischen, Vietnamesischen, Thai) helfen dabei, wenn Märkte erschlossen werden sollen - und zwar nicht nur in den alten küstennahen Handelsplätzen - und wenn sie ausgebaut werden sollen. Man kann solche "Pflege" nur mit Schaden der anderen Seite überlassen.

    Prof. Dr. Hans Stumpfeldt

    Seminar für Sprache und Kultur Chinas

    Universität Hamburg

    Chinesisch als Fremdsprache im 21. Jahrhundert

    - Zur Eröffnung der VIII. Tagung zum modernen Chinesisch-unterricht am 24.3.94 an der Universität Hamburg -

    Der Ort und der Zeitpunkt unserer Tagung veranlassen mich zunächst, an einige historische Daten der Entwicklung der Sinologie im deutschen Sprachraum zu erinnern.

    Vor 85 Jahren, nämlich im Jahr 1909, wurde hier in Hamburg der erste Lehrstuhl für Sinologie in Deutschland durch Otto Franke besetzt. Zwar war die wissenschaftliche Beschäftigung mit China damals noch weitgehend kolonial-politischen Zwängen ausgesetzt. Doch ist es Professor Frankes großes Verdienst, hier am Tor zur Welt von Anfang an die moderne Chinaforschung und damit auch das Interesse an der neuzeitlichen chinesischen Gesellschaft, Kultur und Sprache gefördert zu haben. Während andernorts Sinologie über Jahrzehnte exklusiv als klassische Philologie betrieben wurde, wehte hier in Hamburg stets die frische Brise der offenen Hinwendung zum lebendigen China und seinen Menschen. Dies zeigt beispielsweise die auf verschiedenen Gebieten recht erfolgreiche Städtepartnerschaft mit Shanghai, die seit mehreren Jahren besteht. Hierzu gehören auch die in Deutschland vorbildhaften Aktivitäten im Bereich der Schulkontakte und des Schüleraustausches, worüber wir im Verlauf der Tagung sicher noch Informatives hören werden.

    Das hiesige sinologische Seminar kann m.W. auch die längste Tradition von Sprachkursen in modernem Chinesisch an deutschen Universitäten aufweisen. Seit Jahrzehnten schon stellen die alljährlichen Chinesisch-Intensivkurse an der Universität Hamburg eine feste Institution dar. Für viele deutsche Sinologiestudenten war dies früher fast die einzige Möglichkeit, überhaupt einmal mit der modernen chinesischen Sprache in Kontakt zu kommen. Und fest verbunden mit dieser Tradition und Institution ist das von Herrn Chao Jung-lang entwickelte Lehrwerk "Chinesisch für Deutsche", nach dem Krieg das erste und über Jahre einzige Chinesisch-Lehrmaterial, das autonom in Deutschland entwickelt wurde und bis heute in Gebrauch ist.

    1981 hatte ich die Gelegenheit, hier in Hamburg einen Chinesisch-Intensivkurs unter Leitung von Herrn Chao zu hospitieren. Ich war überaus beeindruckt von jener damals noch kaum sonst irgendwo praktizierten Vermittlung der modernen chinesischen Sprache in intensiv-kommunikativer Partner- und Gruppenarbeit. Obwohl zu der Zeit noch die Devise der alten Sinologengeneration galt, daß man Chinesisch letztlich nur durch das unermüdliche Lesen und Verarbeiten großer Textmengen über Jahre hinweg erlernen könne, bewies Herr Chao mit seiner Unterrichtskonzeption und -methodik, daß dem Chinesischen wie jeder anderen Sprache auch ein System von Regeln zugrunde liegt, die, sofern sie erkannt und beherrscht werden, das Erlernen dieser Fremdsprache erheblich erleichtern und überhaupt erst in einer geordneten Abfolge von Lernschritten ermöglichen.

    Dies war der erste und entscheidende Schritt, um den Schleier des Esoterischen um das Chinesische zu lüften und es in den Kanon der anderen großen Fremdsprachen einzureihen. Nach der Einrichtung des ersten deutschen Lehrstuhls für Sinologie hat es immerhin noch siebzig Jahre gedauert, bis die Unterrichtung der modernen chinesischen Sprache allgemeine Anerkennung und Verbreitung an unseren Universitäten gefunden hat und bis man begann, Chinesisch als normale Fremdsprache zu behandeln, die mit modernen didaktischen Konzepten und Methoden gelehrt und gelernt werden kann.

    Die ersten markanten Ansätze und Durchbrüche in der kommunikativen Vermittlung eines praxisbezogenen Alltagschinesisch vollzogen sich vor ziemlich genau 15 Jahren. Ich erinnere hier nur an den Beginn der Arbeit des Sinicums in Bochum 1980, wo eine neue, unkonventionelle Unterrichtskonzeption der intensiven Vermittlung praktischer Chinesischkenntnisse entwickelt wurde, und an die Publikation des epochemachenden "Kommunikationskurs Chinesisch" von Chen-Klein, Denninghaus, Leimbigler und Šubik ebenfalls 1980. Im selben Jahr begannen in der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung in Bad Honnef Intensivkurse für ausreisende Deutschdozenten des DAAD und des Goethe-Instituts. Das Ziel war es, in 4-6 Wochen möglichst effektiv eine elementare mündliche Kompetenz für Alltagssituationen in der VR China zu erreichen.

    In den folgenden Jahren wurden nicht nur an den Universitäten neue Kurse und Studiengänge für modernes Chinesisch eingerichtet, sondern auch an Gymnasien, Volkshochschulen, in Stiftungen und Firmen. Eine Reihe neuartiger Lehrmaterialien wurde herausgegeben, und schlagartig vervielfachte sich die Anzahl der Unterrichtsangebote und der Chinesischstudierenden und -lernenden in der damaligen Bundesrepublik.

    Im Sommer 1979 fand an der Freien Universität Berlin die erste Tagung zum modernen Chinesischunterricht statt mit dem Thema "Chinesisch an deutschsprachigen Hochschulen", auf der sich erstmals jüngere Sinologen und Chinesischlehrer zu einem Gedankenaustausch über die wissenschaftliche Erforschung und eine verbesserte Didaktik des modernen Chinesischen versammelten. Vier Jahre später, im Herbst 1983, gründeten über 30 Sinologen, Chinesischlehrer und Sprachlehrforscher auf der zweiten Tagung zum modernen Chinesischunterricht in Germersheim die "Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Chinesischunterrichts in der Bundesrepublik Deutschland", die sich im Frühjahr 1984 als Verein konstituierte. Er wurde 1988 umbenannt in "Fachverband Chinesisch" und erweiterte zugleich seinen Wirkungskreis auf den gesamten deutschsprachigen Raum.

    Seit seiner Etablierung vor zehn Jahren haben sich die Aufgaben und Projekte des Fachverbandes rasch vervielfacht. Angesichts der hiesigen und weltweiten zügigen Entwicklung der Didaktik des Chinesischen sind die gegenwärtig laufenden Aktivitäten und künftig notwendigen Vorhaben innerhalb des Fachverbandes kaum noch zu bewältigen, so daß wir verstärkt auf die Unterstützung durch universitäre und andere Institutionen angewiesen sind. Immerhin bin ich zufrieden und dankbar, daß wir - jedesmal unter immensem Engagement ehrenamtlicher Mitarbeiter und mit Hilfe einzelner Seminare - dieses feste, rund alle zwei Jahre stattfindende Forum des fachlichen Austausches und der Ideenentwicklung bis heute beibehalten und sogar stetig verbessern konnten. Die bis jetzt sieben von uns organisierten bzw. mitorganisierten Tagungen spiegeln einen deutlichen Trend der Professionalisierung und Spezialisierung unseres Metiers wider. Ich erinnere nur an die VII. Tagung im Oktober 1992 in Heidelberg, auf der Teilnehmer aus aller Welt hochqualifizierte Beiträge zur Thematik des Fortgeschrittenenunterrichts präsentierten, und an die spezielle Tagung zum Chinesischunterricht an Schulen im Mai letzten Jahres in Soest, auf der die Fortschritte besonders deutlich wurden.

    Es war wohl kein Zufall, daß in China selbst ebenfalls vor rund eineinhalb Jahrzehnten, also mit dem Beginn der Öffnungspolitik, eine neue Entwicklung auf unserem Gebiet einsetzte. Im März 1978 haben die namhaften Sprachwissenschaftler und Sprachdidaktiker der VR China auf einer Sitzung in Beijing erstmals die Forderung aufgestellt, die Didaktik der chinesischen Sprache für Ausländer als eigene Forschungsdisziplin zu etablieren. Damit war das Fachgebiet "Didaktik des Chinesischen als Fremdsprache" in China geboren, in China heute allgemein bezeichnet als duiwai Hanyu jiaoxue, also als Didaktik des Chinesischen "nach außen". Zur gleichen Zeit wie unsere "Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Chinesischunterrichts" gründeten die einheimischen Chinesischlehrkräfte 1983 die "Chinesische Gesellschaft für Chinesisch als Fremdsprache" (Zhongguo Duiwai Hanyu Jiaoxue Xuehui), mit der wir kurz danach partnerschaftliche Beziehungen aufnahmen.

    Seither erhielt die internationale Kooperation auf dem Gebiet Chinesisch als Fremdsprache zunehmende Bedeutung. Wichtigste Foren sind die 1987 in Beijing gegründete "International Society for Chinese Language Teaching" (Shijie Hanyu Jiaoxue Xuehui), in der heute fast 700 Wissenschaftler und Lehrkräfte aus nahezu 40 Ländern vereinigt sind, die von dieser Gesellschaft alle drei Jahre durchgeführten Symposien zum Chinesischen als Fremdsprache sowie die von ihr publizierte Fachzeitschrift Shijie Hanyu Jiaoxue ("Chinese Teaching in the World"). Sitz und Zentrum der "International Society" und aller landesweiten Organe und Projekte für Chinesisch als Fremdsprache ist die "Hochschule für Sprache und Kultur Beijing" (Beijing Yuyan Xueyuan). Von dort und von über 100 weiteren Hochschulen in der VR China, die Abteilungen für Chinesisch als Fremdsprache eingerichtet haben, werden in den kommenden Jahren ausschlaggebende Impulse für die auswärtige Kulturpolitik Chinas ausgehen.

    China ist uns, trotz der Öffnung seiner Tore seit 1979, eigentlich bis heute in vielfacher Hinsicht ein verschlossenes Land geblieben. Dies liegt nicht nur daran, daß die Geschichte und Landeskunde Ostasiens in unseren Schulbüchern immer noch so gut wie gar nicht existieren und unsere Presse und Öffentlichkeit sich oft nur sporadisch und oberflächlich, meist anläßlich spektakulärer Ereignisse, für dieses Fünftel der Menschheit interessiert. Es liegt auch daran, daß China seit Jahrhunderten kulturelle Nabelschau betreibt und unbeirrt seine konfuzianische Tradition der Selbstgenügsamkeit und Selbstgefälligkeit pflegt, wie es am prägnantesten im Begriff tianxia zum Ausdruck kommt, der die ganze "Welt" mit dem chinesischen Reich synonymisiert. Daß dieses chinesische Weltbild bis zur Gegenwart zumindest unterschwellig wirkt, zeigen die sich abwechselnden Perioden defensiver bis aggressiver Maßnahmen gegen ausländische Einflüsse, wie wir sie insbesondere während der Kulturrevolution, aber auch wieder 1989 beobachten konnten.

    Nichtsdestoweniger läßt sich in jüngster Zeit ein grundlegender Wandel sowohl in der offiziellen Politik als auch in der breiten Öffentlichkeit feststellen, der im wesentlichen zurückzuführen ist auf die sich nahezu explosionsartig ausweitenden Kontakte und Vernetzungen mit dem Ausland. Meiner Überzeugung nach werden exponentiell zunehmende Besucherströme aus und nach China, der Einfluß Taiwans, Hongkongs, Macaos und der Auslandschinesen und nicht zuletzt moderne Datenverbindungen in den kommenden Jahren irreversible Bewußtseinsveränderungen in der chinesischen Gesellschaft hervorrufen, die tiefgreifende Folgen nicht nur für das Land selbst, sondern auch für die gesamte Weltpolitik zeitigen werden.

    Als ein Land, das in seiner langen Geschichte gegen Fremdeinflüsse entweder immun war oder diese absorbiert hat und niemals systematisch politische und kulturelle Expansion betrieben hat, scheint sich China neuerdings auf dem Weg einer auswärtigen Kulturpolitik voranzutasten und die ersten Erfahrungen zu suchen. Im Februar 1993 wurden staatlicherseits sogenannte "Grundzüge zur Reform und Entwicklung des chinesischen Bildungswesens" (Zhongguo jiaoyu gaige he fazhan gangyao) formuliert, die entsprechende Pläne bis zum Ende des Jahrhunderts enthalten. Ein wesentlicher Aspekt sind hierbei der internationale Austausch und die internationale Zusammenarbeit im Bildungswesen. Dazu gehört unter anderem die Förderung der chinesischen Sprache in der ganzen Welt, die Durchführung von Unterrichtsprogrammen im In- und Ausland, die verstärkte Aufnahme von ausländischen Studierenden in China und die Entsendung von Lehrkräften ins Ausland. In diesem Zusammenhang fallen in letzter Zeit immer häufiger Begriffe wie "auswärtiger Kulturaustausch" (duiwai wenhua jiaoliu) oder "auswärtige Öffentlichkeitsarbeit" (duiwai xuanchuan gongzuo).

    China rückt damit fast unmerklich von seiner ursprünglich ausschließlich wirtschaftlich orientierten Reformpolitik ab und vollzieht eine für die Weltgeschichte folgenreiche Metamorphose. Es bleibt nur zu hoffen, daß diese in eine der Welt aufgeschlossene und um echten internationalen Kulturaustausch bestrebte chinesische Gesellschaft mündet und nicht in eine Art Sendungsbewußtsein und Kulturchauvinismus in der Ausprägung eines weltweiten Pan-Hanismus.

    Angesichts der wenigen Jahre, die uns bis zur Jahrhundert- und Jahrtausendwende verbleiben, erlaube ich mir einen kurzen Gedankenausflug ins Jahr 2020, also in die Welt, in der die momentan heranwachsende und vielleicht schon Fremdsprachen lernende Generation leben und arbeiten wird.

    1992 und 1993 hat die VR China ein Wirtschaftswachstum von rund 13% verzeichnet. Berechnet an der Kaufkraft steht das Bruttoinlandsprodukt dieses Landes heute nach den USA und Japan bereits an dritter Stelle. Die Weltbank prognostiziert, daß der großchinesische Wirtschaftsraum, also die Volksrepublik mit Taiwan, Hongkong und Macao, schon im nächsten Jahrzehnt ein mit Deutschland, Japan und den USA vergleichbares Wirtschaftsniveau erreichen kann und daß China im Jahr 2020 die stärkste Wirtschaftsmacht der Welt sein wird.

    Auch wenn politische Krisen und Rückschläge in China in den kommenden Jahren durchaus möglich sind und bei wachsender Industrialisierung des bis dahin rund 1,5 Milliarden Menschen umfassenden Volkes insbesondere ökologische Gefahren drohen, sei hier zunächst von einer annähernd stabilen Entwicklung bis zum Jahr 2020 ausgegangen. Bei näherer Betrachtung des gegenwärtigen Aufbauelans und der noch vorhandenen Potentiale dieses Riesenlandes erscheint eine solche optimistische Sicht ebenso legitim wie so manche Skepsis, die angesichts der beobachtbaren negativen Begleiterscheinungen des rapiden Wachstums natürlich nicht auszuräumen ist.

    Erlauben wir uns jedoch die Spekulation, daß China nach der Vereinigung des Festlandes, Taiwans, Hongkongs und Macaos im Jahr 2020 nicht nur die größte und stärkste Wirtschaftsmacht in Asien sein wird, sondern einen durchschnittlichen Lebensstandard pflegen wird, wie er heute in Westeuropa üblich ist. Nehmen wir ferner an, daß, so wie etwa Japaner in der Gegenwart, ein großer Anteil der chinesischen Bevölkerung die Möglichkeiten und Ambitionen hat, aus geschäftlichem oder touristischem Interesse andere Länder zu bereisen. Gehen wir nur einmal davon aus, daß etwa ein Zehntel aller zu der Zeit lebenden rund 1,5 Milliarden Chinesen regelmäßig Auslandsaufenthalte wahrnehmen, so wären dies 150 Millionen Chinesen, die man in anderen asiatischen Staaten, in Europa, Amerika, Australien und Afrika antreffen würde. Dies ist rund das Fünffache aller heute im Ausland lebenden ethnischen Chinesen!

    Stellen Sie sich bitte vor, daß ein Bruchteil dieser 150 Millionen als Geschäftsleute, Wissenschaftler, Studenten und Touristen nach Deutschland kommt. Zu welchen äußeren Veränderungen unseres Alltages würde dies führen - selbst wenn "nur" eine Million Chinesen sich ständig in unserem Land aufhielte? Ich glaube, in einer dermaßen veränderten soziokulturellen Realität wird man mitleidig lächeln über die Unkenntnis und die merkwürdigen Vorstellungen, die bei den Deutschen noch im Jahr 1994 von der fernen exotischen Kulturregion China vorherrschten und die kaum über den Reisschüsselrand des China-Restaurants um die Ecke hinausreichten.

    Es ist heute kein bloßes Gedankenspiel mehr, sich vorzustellen, daß in europäischen und deutschen Städten in naher Zukunft chinesische Banken, Fabriken, Handelsagenturen, Dienstleistungszentren, Kaufhäuser, Schulen, Kulturzentren, Tempel, Nachtclubs usw. aus dem Boden schießen. In unserem Jahr 2020 wird der chinesische Einfluß voraussichtlich schon in einer Reihe von Wirtschaftsbranchen dominieren, vielleicht in der Computer-, Automobil-, Unterhaltungselektronik- oder Textilindustrie.

    Man darf sicher sein, daß unter solchen Umständen viel mehr Chinesen Fremdsprachen lernen und diese im Ausland anwenden. Wie sieht es aber umgekehrt aus? Ist es wirklich glaubwürdig, daß Chinesen im Jahr 2020 weltweit immer noch das Englische als Lingua franca benutzen? Oder ist es nicht viel wahrscheinlicher, daß der chinesische Wirtschaftsboom am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts und die damit einhergehende Kulturexpansion ein noch größeres Selbstbewußtsein in bezug auf die eigene Sprache hervorbringt?

    Neuere Trends einer solchen han-patriotischen Mobilmachung und in diesem Zusammenhang eines missionarischen Eifers der Verbreitung der chinesischen Sprache weisen heute bereits in diese Richtung. Die internationalen Stützpunkte hierfür sind die zahlreichen Inseln der auslandschinesischen Diaspora in allen Kontinenten. Insofern besteht hierbei keinerlei Parallelität mit der gegenwärtigen Wirtschaftsmacht Japan, die im Rahmen ihrer wirtschaftlichen Präsenz im Ausland noch nie irgendwelche Neigungen zur gleichzeitigen kulturellen Selbstdarstellung und Ausstrahlung zeigte.

    Auch wenn es heute noch utopisch anmutet, so bin ich doch überzeugt, daß spätestens um 2020 unser Alltag von chinesischen Schriftzeichen geprägt sein wird, sei es in Form von Markenzeichen auf PKWs, Waschmaschinen, Computern, Kleidungsstücken usw., von Firmen- und Ladenschildern oder von Druckerzeugnissen aller Art. Auch die gesprochene chinesische Sprache wird ihren exotischen Reiz dann längst verloren haben und zur gewohnten akustischen Kulisse in den alltäglichen privaten und geschäftlichen Begegnungen und in den Medien gehören. Unsere Städte werden allgemein ein wenig von dem Flair annehmen, wie es heute in den Chinatowns in San Francisco, New York oder London zu finden ist. Und unsere Fernsehnachrichtensprecher werden die Namen der chinesischen Städte und der chinesischen Politiker endlich, so wie schon immer im Englischen, anstandslos korrekt aussprechen.

    Ist es möglich, daß unter den absehbaren Veränderungen einer so zusammengerückten Welt die Kinder unserer heutigen Schuljugend nach wie vor fast nur Englisch, Latein und Französisch pauken, wie es ihre Eltern und Großeltern gewohnt waren? Werden sie nicht ganz selbstverständlich auch Chinesisch als 1. oder 2. Fremdsprache wählen, um sich den eigenen Lebens- und Berufsbedingungen anzupassen? Vielleicht wird jene Generation es sogar als Privileg empfinden, in Beijing, Shanghai oder Guangzhou ein Studium oder Berufspraktikum absolvieren zu können.

    Unter solchen gewaltigen wirtschaftlichen, politischen und demographischen Umwälzungen der vor uns liegenden Weltgeschichte wird sich auch eine tiefgreifende Umschichtung der sozialen Wertesysteme vollziehen. Der ausgeprägte Individualismus der christlich-abendländischen Hemisphäre wird in einer enger zusammenrückenden und immer mehr von asiatischen Wertesystemen durchdrungenen Welt große Einbußen hinnehmen müssen. Je schneller diese Veränderungen aus uns zukommen und je weniger wir uns darauf vorbereiten, um so heftiger werden die Konflikte in der Begegnung mit dem Fremden und die geistigen Krisen innerhalb unserer Gesellschaft.

    Diese kurze Exkursion in die nahe Zukunft ist wohl keine reine Fiktion mehr. Immer mehr Menschen und Länder erkennen dies und beginnen sich darauf vorzubereiten. Trotz aller noch bestehenden Probleme ist in Asien in den vergangenen Jahren eine neue Art von Selbstbewußtsein und Aufbruchstimmung gewachsen, was bei uns leider noch nicht richtig wahrgenommen wird. In den verbleibenden Jahren dieses Jahrhunderts und Jahrtausends müssen wir, fürchte ich, einen ähnlichen radikalen Bewußtseinswandel in bezug auf weltpolitische Neukonstellationen vollziehen, wie er sich auch im global-ökologischen Bereich abzeichnet. Andernfalls wird die Geschichte uns hier in Europa überholen.

    Wie können sich zwei große Kulturen, die sich über Jahrtausende fern und unabhängig voneinander entwickelt haben, einander annähern und zu einem echten Austausch gelangen? Meines Erachtens gibt es nur einen einzigen Ausweg zur Überwindung des überheblichen Eurozentrismus auf der einen Seite und des selbstgefälligen Sinozentrismus auf der anderen Seite. Dieser besteht in der Förderung eines intimen Dialogs auf breiter Basis, der durch den ehrlichen Willen und die unbefangene Bereitschaft zum gegenseitigen Verstehen charakterisiert ist.

    Die Zeiten der hohlen Beschwörungsformeln und Trinksprüche auf die deutsch-chinesische Freundschaft sollten allmählich der Vergangenheit angehören. Um den Herausforderungen des kommenden Jahrhunderts gewachsen zu sein, kommen beide Seiten nicht umhin, schon in allernächster Zukunft in viel größerem Umfang als bisher besondere Fachkräfte auszubilden, die die jeweils andere Kultur sozusagen "von innen" heraus verstehen lernen und als Mittler zwischen beiden Kulturkreisen fungieren. Selbstverständlich sind hervorragende Sprachkenntnisse die Grundbedingung, um einen solchen Dialog und Austausch in Gang zu bringen.

    Dem sprichwörtlichen Pragmatismus der Chinesen ist zuzutrauen, daß sie sich den veränderten Erfordernissen ihres Wirtschaftswachstums und steigenden Wohlstands flexibel anpassen und mit zunehmender Lernbegierde vom Ausland alles Nützliche aufnehmen und verarbeiten. Bis heute ist auf unserer Seite kein auch nur annähernd vergleichbares Interesse für die chinesische Sprache und Kultur feststellbar. Im Geographie- und Geschichtsunterricht an unseren Schulen ist nach wie vor kaum Platz für das Thema China. In einzelnen Bundesländern beginnt man erst jetzt, über die Alternative Chinesisch als Fremdsprachenfach nachzudenken, und es wird voraussichtlich noch einige Jahre dauern, bis es an einigen Gymnasien die Wahlmöglichkeit Chinesisch und entsprechend qualifizierte Lehrkräfte sowie geeignete Lehrmaterialien gibt.

    Vorläufig bleibt die Hauptlast der Ausbildung junger Menschen in chinesischer Sprache und Kultur noch bei den Universitäten. Die Folge sind überdurchschnittlich hohe Abbrecherquoten oder überlange Studienzeiten in diesem Bereich. Zudem wird gegenwärtig noch überwiegend für die wissenschaftliche Karriere ausgebildet, auch wenn in den achtziger Jahren in Deutschland einige neue berufsorientierte Studiengänge in chinesischer Sprache und Kultur eingerichtet wurden.

    Es führt also kein Weg daran vorbei, daß China baldmöglichst in den relevanten Schulfächern obligatorisch und viel intensiver als bisher behandelt wird und daß überdies Chinesisch als reguläre Fremdsprache in das Unterrichtsangebot an einer Reihe von Schulen in den verschiedenen Bundesländern Eingang findet. Auf dieser Grundlage kann das Sinologie- bzw. Chinesischstudium an den Hochschulen wesentlich effektiver und mit einer breiteren Palette von Spezialisierungsmöglichkeiten gestaltet werden.

    Dies setzt voraus, daß Einrichtungen für die Aus- und Fortbildung von Chinesischlehrern geschaffen und geeignete Chinesisch-Lehrmaterialien ausgearbeitet werden. Auch reformierten didaktischen Konzepten und methodischen Innovationen sollte sich der Chinesischunterricht öffnen. Im Vergleich zur Didaktik anderer großer Fremdsprachen liegt bei der Vermittlung des Chinesischen noch vieles im argen. Als Beispiele seien hier genannt:

    • fehlende oder verschwommene Lern- und Ausbildungsziele,
    • mangelnde Spezialisierungsmöglichkeiten, z.B. in Fachsprachen,
    • eine unterentwickelte linguistische Grundlagenforschung und ungenügende Systematik in der Grammatik,
    • bisher ungelöste Probleme in der Integration kulturwissenschaftlicher Inhalte in den Sprachunterricht,
    • das praktisch völlige Fehlen einer Didaktik der chinesischen Schrift, die das Haupthindernis beim Erlernen der chinesischen Sprache darstellt.

    Gerade dieser letzte Punkt ist ein Beispiel dafür, welche Entwicklungsmöglichkeiten der Didaktik des Chinesischen noch offenstehen. Wäre es nicht denkbar, daß das Erlernen der chinesischen Schriftzeichen durch eine spezielle Methodik wesentlich erleichtert werden könnte, etwa mit Hilfe der Suggestopädie, wobei die Tatsache genutzt wird, daß die Verarbeitung der Schriftzeichen sich in beiden Hirnhälften abspielt?

    Die unbefriedigende Situation im Bereich der Lehrmaterialien für die chinesische Sprache wird uns eines Tages zwingen, auch hier neue Wege zu beschreiten. Vielleicht werden wir uns dann von der traditionellen Lehrbuchkonzeption verabschieden und multimediale und individualisierte Lernsysteme entwickeln, mit deren Hilfe Chinesisch gezielter und effektiver vermittelt werden kann.

    Auf dieser Tagung werden wir Beiträge zu diesen und ähnlichen neuen Ansätzen hören und diskutieren. Ich hoffe und wünsche, daß das interessante Programm der kommenden dreieinhalb Tage zahlreiche Anregungen und nachhaltige Impulse gibt - nicht nur für den Chinesischunterricht, sondern auch für den Fremdsprachenunterricht allgemein.

    Dr. Peter Kupfer, Fachverband Chinesisch