CHUN 4 (1987)

CHUN 4 (1987)

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Beiträge

  • Klaus Kaden: Chinesischausbildung in der Deutschen Demokratischen Republik
  • George C.Y. Wang: 王清源:美国的中文教师进修 – EPDA 中文师资讲习班为例 (Chinese Language Teachers' Training in the United States: EPDA Summer Institute in Chinese Language and Culture)
  • Wang Yannong: 王砚农:《读写》、《说话》、《听力》中的语言教学 – 从一套新编的《中医汉语》谈起 (Zur Didaktik im "Lese- und Schreib-", "Sprech-" und "Hörverständnisunterricht" – Über ein neues Konzept eines Chinesischkurses für traditionelle chinesische Medizin)
  • P.C. T'ung: 佟秉正:伦敦大学亚非学院的汉语教学 (Chinese Language Teaching at S.O.A.S.)
  • Shi Shiqing: 史世庆:再谈用电视录像进行口语教学的几个环节 (On the Several Points of Teaching Colloquial Chinese by Video)
  • Pan Zhaoming: 潘兆明:怎样正确运用汉语虚词 (Über den korrekten Gebrauch chinesischer Funktionswörter)
  • Li Chen-ching: Cross-cultural Communication as a Necessary Training Supplement for Teachers of Chinese as a Secondary Language
  • Xu Manhua: 徐缦华:漫谈对外汉语教学 (Zur Didaktik des Chinesischen als Fremdsprache)
  • Zhang Weigeng: 张维耿:关于对外汉语教学师资的培养 (What we have been doing to Train Teachers Engaged in Teaching Chinese as a Foreign Language)

Rezensionen

  • Rotraut Bieg-Brentzel: Peter Chang et al.: Hanyu 1. Chinese for Beginners. Student Book
  • Frank Hegemann: T.K. Ann: Cracking the Chinese Puzzles; Ann's Integrated Method of Learning the Chinese Language by Conceptualizing and Philosophizing Approach
  • Peter Kupfer: Ulrich Unger: Einführung in das Klassische Chinesisch
  • Sylvia Laermann: Zhang Wei und Xu Denan: Grammatik des Modernen Chinesisch

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Pressespiegel

Mitteilungen

BERICHT ZUM SOESTER TAGUNGSPROGRAMM 1986

Peter Kupfer

Die ursprünglich für 27. - 31. Oktober 1986 geplante IV. Tagung "Moderner Chinesischunterricht in der Bundesrepublik Deutschland'' - die drei vorhergehenden Tagungen hatten 1979 in Berlin, 1983 in Germersheim und 1984 in Willebadessen stattgefunden - mußte aus organisatorischen und thematischen Gründen um zwei weitere Tagungsveranstaltungen erweitert werden. Während sich die IV. Tagung lediglich auf die Eröffnung am Montagabend und auf den ganzen Dienstag (27.-28.10.) beschränkte, schloß sich am Mittwoch und Donnerstag (29.-30.10.) das von der Stiftung Volkswagenwerk geförderte internationale Symposium "Förderung des Chinesischunterrichts im Rahmen des Kulturaustausches mit China" an. Parallel tagte der vom Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen geförderte, leider durch einige Absagen in letzter Minute noch erheblich reduzierte Arbeitskreis "Chinesisch an höheren Schulen" (28.-30.10.) mit dem Hauptziel, erste Schritte zum Entwurf von Richtlinien für den Chinesischunterricht im Sekundarbereich einzuleiten (siehe gesonderten Bericht von R. Bieg-Brentzel). Als idealer Tagungsort erwies sich das Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, wo nicht nur ausreichend Konferenzräume, sondern auch Wohnmöglichkeiten für die meisten der über achtzig in- und ausländischen Teilnehmer zur Verfügung standen.

Weitere Aktivitäten dieser überaus ereignisreichen Woche waren die 3. Mitgliederversammlung der AFCh, eine Podiumsdiskussion "Entwicklungsperspektiven und Ziele des Chinesischunterrichts an Hochschulen und Gymnasien in der Bundesrepublik Deutschland", an der u.a. Borschaftsrat Hu Shouxin von der Erziehungsabteilung der chinesischen Botschaft teilnahm, und als kulturelles Rahmenprogramm die "Soester China-Tage" vom 27. - 31. Oktober. Diese wurden im Rahmen eines offiziellen Empfanges der ausländischen Teilnehmerdelegation im Rathaus der Stadt Soest eröffnet und fanden ihren Höhepunkt in einer öffentlichen Autorenlesung des Tianjiner Schriftstellers Feng Jicai, der auch zeitweise dem Symposium beiwohnte.

Die IV. Tagung stand unter dem Thema ''Lehrerfortbildung und Weiterbildung", das sich angesichts der Verdrei- bis Vervierfachung der Zahl der Chinesischstudierenden in der Bundesrepublik innerhalb von zwei Jahren als höchst aktuell erwies. Vor allem die hierbei schon teilnehmenden ausländischen Kollegen - die auf Deutsch referierten Beiträge wurden gedolmetscht - konnten sich erstmals ein Bild machen von der dramatischen Entwicklung hierzulande, die an manchen sinologischen Seminaren krisenhafte Verhältnisse hervorrief und die vielversprechenden didaktisch--methodischen Neuansätze der letzten Jahre im modernen Sprachunterricht ernsthaft gefährdet. Symptomatisch dafür war auch die vergleichsweise geringe Anzahl von deutschen Beiträgen, die hauptsächlich auf den Dienstagvormittag fielen. Die Referenten waren Prof. Dr. Wolfgang Lippert / Erlangen ("Zu den linguistischen Begriffen Aspekt und Aktionsart"), Prof. Dr. Konrad Wegmann / Bochum ("Erfahrungen in einem 2-jährigen Chinesischkurs am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Bochum"), Dr. Anton Lachner / Bochum ("Die Präsentation von Lehrbuchinhalten im Unterricht") und Klaus Stermann / Berlin ("Einführung und Perspektiven der Wörterbuchbenutzung in Chinesisch-Grundkursen").

Am Nachmittag desselben Tages sprachen Prof. Li Jinkai (Trier) über "Multi-Sprachcomputer" und Dr. Jakob Karszt / Dr. Yang Shenqing (Karlsruhe) über "Chinesische Schriftzeichenverarbeitung mit PC's". Anschließend wurden verschiedene Systeme der Verarbeitung chinesischer Schriftzeichen an eigens aufgestellten Computeranlagen demonstriert.

Schwerpunkt des Gesamtprogramms war zweifellos das zweitägige internationale Symposium, das fast ausschließlich in chinesischer Sprache abgehalten wurde und im wesentlichen bezweckte, den Austausch und die Kooperation im Bereich Chinesisch als Fremdsprache zwischen den deutschen, chinesischen und übrigen ausländischen Kollegen zu vertiefen.

Erfreulicherweise konnten an dieser Veranstaltung die führenden Vertreter für Chinesisch als Fremdsprache aus beiden Teilen Chinas teilnehmen, womit zum ersten Mal überhaupt direkte Kontakte und Gespräche zwischen Festland und Taiwan auf diesem Fachgebiet ermöglicht wurden. Die zwölfköpfige chinesische Delegation setzte sich folgendermaßen zusammen:

Herr Prof. Lü Bisong: Vorsitzender der "Chinesischen Forschungsgesellschaft für Chinesisch als Fremdsprache" (= FChF; chines.: Zhongguo Duiwai Hanyu Jiaoxue Yanjiuhui) und Präsident der Sprachenhochschule Beijing (Beijing Yuyan Xueyuan).

Herr Prof. Ren Yuan: Vorstandsmitglied der FChF und Leiter des Forschungsinstituts für Sprachdidaktik der Sprachenhochschule Beijing.

Frau Prof. Yang Qinghui: Vorstandsmitglied der FChF und Leiterin des Zentrums für Chinesisch als Fremdsprache der Pädagogischen Universität Beijing.

Frau Prof. Wang Yannong: Mitarbeiterin des Forschungsinstituts für Sprachdidaktik und Chinesischdozentin für Ausländer der Sprachenhochschule Beijing, z.Zt. an der Nagoya Shoka Daigaku in Japan.

Herr Prof. Pan Zhaoming: Vorstandsmitglied der FChF und stellvertretender Leiter des Zentrums für Chinesisch als Fremdsprache der Universität Beijing.

Frau Prof. Xu Manhua: Vorstandsmitglied der FChF, Initiatorin und vormalige Leiterin des Forschungsinstituts für Chinesisch als Fremdsprache der Universität Nanjing.

Herr Prof. Zhang Weigeng: Vorstandsmitglied der FChF und stellvertretender Leiter des Zentrums für Chinesische Sprache der Zhongshan-Universität in Guangzhou.

Frau Prof. Wu Jiemin: Vorstandsmitglied der FChF, Initiatorin und Leiterin des Instituts für Chinesische Sprache der Universität Hangzhou.

Herr Shi Shiqing: Dozent am Institut für Chinesisch als Fremdsprache der Pädagogischen Universität Huadong in Shanghai.

Herr Prof. Wang Zhenkun: Vorstandsmitglied der FChF und Leiter des Zentrums für Chinesisch als Fremdsprache der Nankai-Universität in Tianjin.

Herr Prof. Dr. Li Chen-ch'ing ( Li Zhenqing): Direktor des Mandarin Training Center der National Taiwan Normal University in Taibei/Taiwan.

Herr Prof. Dr. Wu Kuo-hsien ( Wu Guoxian): offizieller Vertreter der "World Chinese Language Association" (Shijie Huawen Xiejinhui) in Taibei/Taiwan.

Aus dem übrigen Ausland waren der Einladung gefolgt:

Prof. Dr. Klaus Kaden (Leiter der Abteilung Sprache und Kultur Chinas an der Sektion Asienwissenschaften der Humboldt-Universität in Berlin/DDR), Herr Prof. Ping-cheng T’ung (Department of the Far East, School of Oriental and African Studies, University of London), Herr Joseph Shu (Sinologische Abteilung an der Sorbonne 111, Paris), Frau Prof. Shi Ming Hu (State University of New York at Stony Brook), Herr Prof. George C.Y. Wang (George Washington University) und Frau Lin Shan (Singapur).

Die Referenten aus dem Inland waren: Dr. Peter Kupfer (Universität Mainz, Germersheim), Frau He Yanling (Sinicum, Bochum), Prof. Dr. Friedhelm Denninghaus (Universität Bochum) und Herr Dr. Wang Shouchun (Universität Tübingen).

Als Dolmetscherinnen für die deutschen Teilnehmer, die den Referaten sprachlich nicht folgen konnten und sich auf Deutsch an den Diskussionen beteiligten, stellten sich Frau He Yanling und Frau Dr. Xia Longzhu zur Verfügung. Überdies verteilte die Mehrzahl der Referenten jeweils vor Beginn ihres Vortrages kopierte schriftliche Zusammenfassungen in deutscher oder englischer Sprache, so daß es während der Veranstaltung zu keinen ernsthaften Verständigungsschwierigkeiten oder zu Verzögerungen kam.

Die Moderation für die jeweils zwei Vor- und Nachmittagssitzungen übernahmen nacheinander Prof. Dr. Helmut Martin (Bochum), Prof. Dr. Wu Kuo-hsien (Taibei), Prof. Dr. Klaus Kaden (Berlin-DDR) und Prof. Dr. Wolfgang Lippert (Erlangen). Die routinierte und minutiöse Bewältigung der stofflichen Fülle ist größtenteils ihnen zu verdanken. Die durchschnittliche Redezeit betrug, wie geplant und angekündigt, 30-40 Minuten pro Referent. Aus zeitlichen Gründen mußte gelegentlich auf eine anschließende Diskussion teilweise oder ganz verzichtet werden. Da allerdings die Pausen dafür ausgiebig genutzt wurden, empfanden dies die Teilnehmer nicht als Einschränkung.

Das Symposium wurde am Mittwoch, dem 29. Oktober 1986, um 9.15 Uhr im Namen des AFCh-Vorstandes vom Berichtverfasser eröffnet. In der halbstündigen Einführung wurden, auf Deutsch und auf Chinesisch, die aus- und inländischen Gäste begrüßt und auf die Bedeutung dieser in vieler Hinsicht erstmaligen Veranstaltung hingewiesen. Es folgte ein kurzer Abriß der wichtigsten Ereignisse in der Entwicklung der Fachrichtung Chinesisch als Fremdsprache in der Bundesrepublik und in China seit Ende der siebziger Jahre, mit 1983 als Wendepunkt, als fast gleichzeitig die beiden Organisationen FChF und AFCh gegründet und gleich danach bisher sehr erfolgreiche Kooperationsbeziehungen aufgenommen wurden. 1984/85 fanden in Talbei und Beijing die ersten internationalen Tagungsveranstaltungen zu diesem Fachgebiet statt. Bei beiden Anlässen waren zum Teil dieselben ausländischen Wissenschaftler zugegen

Der Eröffnungsvortrag endete mit einer Reihe von Wünschen und Vorschlägen zur Vertiefung der deutsch-chinesischen und internationalen Zusammenarbeit: Verbesserung der Lebens- und Studienbedingungen deutscher Studierender in China, unter Hinweis auf Klagen über mangelnde Wohnhygiene, überhöhte finanzielle Belastungen, zu wenige Studienplätze insgesamt, nicht ausreichend qualifizierte Lehrkräfte, fehlende Lehrmaterialien und veraltete Lehrmethoden; Verstärkung der fachlichen Koordination zwischen den chinesischen Hochschulen mit taiwanesischer Beteiligung; baldige Einrichtung einer Weltorganisation für Chinesisch als Fremdsprache unter Einbezug Taiwans; regelmäßige internationale Symposien; Errichtung von chinesischen Sprach-und Kulturzentren in westlichen Ländern durch die Sprachenhochschule Beijing.

Am Mittwoch wurden die im folgenden erläuterten neun Referate gehalten:

Frau He Yanling berichtete in anschaulicher und kritischer Weise über die Erfahrungen während ihrer gerade auslaufenden einjährigen Lehrtätigkeit am Bochumer Landesinstitut für Chinesische Sprache (Sinicum) im Rahmen des Austauschprogrammes mit der Universität Nanjing. Gleich zu Beginn ihrer Arbeit sah sie sich mit einer Reihe von Problemen konfrontiert, die charakteristisch für viele der in der Bundesrepublik tätigen chinesischen Gastdozenten sein mögen. Selbst ausgebiIdete Germanistin, kam sie zur - nach eigener Einschätzung wichtigsten - Erkenntnis, daß die Beherrschung der chinesischen Sprache als Muttersprache und auch Erfahrungen im muttersprachlichen Chinesischunterricht keinesfalls die didaktische Kompetenz zur Vermittlung des Chinesischen als Fremdsprache implizieren. Damit seien spezifische Qualifikationsansprüche verbunden, so daß hierbei von einer selbständigen Fachrichtung gesprochen werden müsse. Die größten Anfangsschwierigkeiten ergaben sich für Frau He u.a. bei der alltäglichen Anwendung des Deutschen als unverzichtbare Unterrichtssprache, der Pinyin-Lautumschrift als wichtigstes Medium in den Sprechkursen und der deutschen Lernergruppen angepaßten didaktischen Methoden.

Prof. Dr. Klaus Kaden erweiterte sein Referat auf das Thema "Die Chinesischausbildung in der Deutschen Demokratischen Republik", denn wie sich in seinen weiteren Ausführungen herausstellte, ist die Humboldt-Universität seit 1968 die einzige Hochschule in der DDR, an der noch Chinesisch unterrichtet wird. Zunächst wies Prof. Kaden auf die fast gleichzeitige Gründung der DDR und der VRCh vor 37 Jahren und auf die nur wenige Tage danach beginnende Wiederaufnahme der sinologischen Studien, der chinawissenschaftlichen und sprachlichen AusbiIdung hin. Nachdem er in kurzen Zügen die über 150jährige traditionsreiche Geschichte der Sinologie mit den Zentren Leipzig und Berlin vor dem 2. Weltkrieg skizziert hatte, behandelte Prof. Kaden hauptsächlich die Nachkriegsentwicklung und den heutigen Stand. Besonders erwähnenswert dabei ist, daß der Schwerpunkt der Sinologie in der DDR seit Mitte der fünfziger Jahre auf dem neuzeitlichen China liegt und damit auf eine entsprechend lange Erfahrung in der modernen praxisorientierten Sprachausbildung zurückgegriffen werden kann. Seit 197D bildet die Humboldt-Universität auch Sprachmittler (Dolmetscher und Übersetzer) für Chinesisch in Kombination mit einer anderen Fremdsprache aus. Seit 1981 sind dort regelmäßig Austauschdozenten von der Universität Beijing tätig. Die bisher benutzten Lehrmaterialien aus China und der Sowjetunion sind unbefriedigend, weil sie nicht die spezifischen Probleme der deutschen Lernenden berücksichtigen. Prof. Kaden glaubt, daß 1986 - ein wenig später als in der Bundesrepublik - aufgrund eines gestiegenen Bedarfs im Zusammenhang mit den wiederauflebenden Beziehungen mit der VRCh eine neue Etappe in der Chinesischausbildung in der DDR beginnt. Insbesondere sei eine Ausweitung auf andere Bereiche, wie Volkshochschulen, allgemeinbildende polytechnische Oberschulen, Wirtschaftsbetriebe, Spezialkurse für Akademiker anderer Fachrichtungen usw., erforderlich. Unter diesem Aspekt begrüßte Prof. Kaden ausdrücklich die Gelegenheit des Erfahrungsaustausches mit den bundesdeutschen Kollegen auf dem Symposium.

Prof. T’ung Ping-cheng (Tong Bingzheng) konzentrierte sich in seinem Referat nur auf die neuere Entwicklung der Chinesischausbildung an der School of Oriental and African Studies (SOAS) der University of London. Dort gibt es gegenwärtig nahezu 70 Studenten für Chinesisch, ein großer Teil davon aus anderen EG-Staaten. In Verbindung mit der modernsprachlichen Ausbildung werden auch breitfundierte Kenntnisse der klassischen Sprache, der Geschichte und Kultur Chinas vermittelt. Mit Computer-Lernprogrammen wird neuerdings versucht, den Sprachunterricht zu effektivieren. Im Vergleich mit bundesdeutschen Hochschulen erscheint die maximale Kursstärke von 9-10 Studenten geradezu idyllisch. Abschließend besprach Prof. T'ung die Anwendungsprinzipien des von ihm mitverfaßten Lehrmaterials sowie Ziele und Probleme des integrierten Studienaufenthalts an der Sprachenhochschule Beijing.

Der Beitrag von Prof. Dr. Li Chen-ch’ing (Li Zhenqing) gliederte sich in zwei Teile. Zuerst ging er auf die Forschungsarbeit in Taiwan ein, die sich der Didaktik der chinesischen Sprache für Ausländer widmet ("Zai Taiwan diqu duiyu haiwai jinxing Huayu jiaoxue de yanjiu"). Die Didaktik des Chinesischen als Fremdsprache beginnt sich auch in Taiwan unter der Bezeichnung "Huayu jiaoxue" - entsprechend dem festländischen Begriff "duiwai Hanyu jiaoxue" - als anerkannte Wissenschaft zu etablieren. Prof. Li wies auf die großen Unterschiede hin, die in der Didaktik des Chinesischen in den beiden Teilen Chinas, in Hongkong und in verschiedenen Ländern zu finden sind. Danach stellte er die Ausbildung am Mandarin Training Center (Guoyu Zhongxin) in Taibei, mit 880 ausländischen Studierenden und über 170 Lehrkräften die größte Hochschulinstitution für Chinesisch als Fremdsprache in Taiwan (und zweitgrößte in ganz China), und an anderen taiwanesischen Schulen vor. Zu den größten Problemen und Aufgaben gehört Prof. Lis Ansicht nach die Erstellung geeigneter Lehrmaterialien, insbesondere auch von Video-Kursen, und die Ausbildung spezieller Lehrkräfte, die teilweise auch im Ausland eingesetzt werden könnten. Diesen letzten Punkt sowie Einzelfragen zur Didaktik und Methodik führte er im zweiten Teil seines Referates aus, in dem er Möglichkeiten der internationalen Kooperation zur Verbesserung des Chinesischunterrichts ("Jie guoji hezuo yi tisheng Hanyu jiaoxue de chengxiao") besprach.

Mit der Vorstellung von Lehrmaterialien und Konzepten begann am Mittwochnachmittag Frau Prof. Shi Ming Hu (Hu Ximing). Die relativ junge State University of New York at Stony Brook führt seit Anfang der siebziger Jahre Chinesischkurse für Studierende naturwissenschaftlich-technischer Fächer durch. Frau Prof. Hu entwickelt seit 1984 das auf die beschränkte Unterrichtszeit von jeweils nur drei Wochenstunden und die speziellen, stark praxisorientierten Anforderungen der Kursteilnehmer zugeschnittene dreibändige Lehrmaterial "Chinese 2000", das auch als Software-Programm fur das Selbststudium geplant ist und dessen Aufbau im einzelnen erläutert wurde.

Aus den Ausführungen von Prof. Ren Yuan wurde die bemerkenswerte Entwicklung der Didaktik des Chinesischen als Fremdsprache in China innerhalb der letzten 2-3 Jahre besonders deutlich. Während das erstmals 1981 erschienene und vielerseits anerkannte Lehrwerk "Practical Chinese Reader" seinen Vorläufer, die Reihe "Elementary Chinese Readers" (1980), in der Bundesrepublik und in anderen Ländern noch längst nicht verdrängt hat, wird gegenwärtig an der Sprachenhochschule Beijing eine neue Generation von Lehrmaterialien erarbeitet und erprobt. In völliger Abkehr von der bisherigen, dreißig Jahre lang verfolgten Konvention des in einem Lehrbuch vereinten Konzeptes zur Ausbildung aller vier Fertigkeiten des Hörens, Sprechens, Lesens und Schreibens werden diese 'skills' nunmehr in separaten, aber parallel angelegten Kursen mit eigens dafür entwickelten Lehrmaterialserien und -programmen vermittelt. Die Materialien umfassen auf einzelne Fachgebiete (Naturwissenschaft und Technik, chinesische Medizin, allgemeine Medizin) bezogene und skillorientierte Lehrbücher, Bildmaterialien, Ton- und Videobänder usw. und verarbeiten die neuesten Erkenntnisse der Unterrichtsmethodik und der Sprachlehrforschung. Das wichtigste und neuartige Prinzip bei der Erstellung dieser Generation von Lehrmaterialien ist die Orientierung an den praktischen curricularen Bedürfnissen und nicht umgekehrt, wie bisher, die Gestaltung des Unterrichts auf der Grundlage des jeweils vorhandenen Lehrwerks. Prof. Ren stellte in diesem Zusammenhang ein soeben an der Sprachenhochschule erschienenes "Frequenzwörterbuch des modernen Chinesischen" vor, das den neuen Lehrmaterialien als wissenschaftliche Basis dient. Abschließend besprach er weitere interessante Forschungs- und Publikationsprojekte der Sprachenhochschule und der FChF. Frau Prof. Wang Yannong konkretisierte die grundsätzlichen Darlegungen von Prof. Ren am Beispiel der Materialserie "Zhongyi Hanyu" (Chinesischkurs für chinesische Medizin), die unter ihrer Leitung verfaßt wurde und seit vier Jahren an der Sprachenhochschule mit Erfolg angewendet wird. Hierbei handelt es sich um eine Einführung in die chinesische Sprache für die stark anwachsende Zielgruppe von ausländischen Studierenden, die später ein Studium der chinesischen Medizin absolvieren wollen. Im Unterschied zu den bis in die siebziger Jahre nach übersetzungsmethodischen und audiolingualen Leitlinien erstellten Lehrwerken unterliegt diesem Kurs ein funktional-inhaltliches Konzept, in dem grammatisches Wissen lediglich implizit im Zusammenhang mit kommunikativen Übungen vermittelt wird. Das Material besteht aus den drei Kursteilen "Lesen und Schreiben", "Sprechen" und "Hörverständnis", die zwar in der Spezialisierung auf bestimmte 'skills' selbständige Einheiten, aber vom gesamtmethodischen Aufbau her integrale Bestandteile desselben Kurses darstellen.

Frau Prof. Wu Jiemin wies rückblickend darauf hin, daß in den vergangenen mehr als drei Jahrzehnten Hunderte von Lehrmaterialien für Chinesisch als Fremdsprache in China und im Ausland verfaßt worden sind, denen epochenweise jeweils eine bestimmte linguistische oder didaktische Theorie zugrunde lag. Eine besondere Vielfalt an neuen Lehrwerken ist nunmehr in den achtziger Jahren feststellbar, wobei sich jedoch immer mehr eine allgemeine Tendenz zur gleichzeitigen Verbindung von sprachstrukturellen und funktional-kommunikativen Aspekten sowie der kombinierten Anwendung von jeweils nützlichen Prinzipien und Theorien verschiedener Schulen ergibt. Unter den vielen Widersprüchen, mit denen sich der Lehrbuchautor auseinanderzusetzen hat, ist der Widerspruch zwischen Sprachstruktur (yuyan tixi) und Sprachfunktion (yuyan gongneng) von zentraler Bedeutung, wobei die Sprachfunktion die führende Rolle übernehmen sollte. Aus dieser Sicht müssen solche Lehrwerke einer kritischen Betrachtung unterzogen werden, bei deren Erstellung dieser Widerspruch nicht voll erkannt und gelöst wurde. Darüber hinaus sind künftig in den Chinesisch-Lehrmaterialien verstärkt Fragen der Stilistik, in den verschiedenen Abstufungen von der gesprochenen bis hin zur geschriebenen Sprache, zu berücksichtigen.

Nach einer kurzen Einführung in die Gestaltung und Durchführung von Chinesischkursen an der Pädagogischen Universität Huadong in Shanghai behandelte und exemplifizierte Herr Shi Shiqing in Ergänzung zu bereits auf dem Beijinger Symposium 1985 vertretenen Thesen den Einsatz von Videofilmen im umgangssprachlichen Fortgeschrittenenunterricht. Anhand einer vorgeführten Fernsehfilmszene veranschaulichte er die sechs methodischen Schritte des Beobachtens, Zuhörens, Reflektierens, Sprechens, Schreibens und Überprüfens, die in lebendiger und motivierender Weise zum systematischen Ausbau der Sprechkompetenz führen sollen.

Die am Donnerstag gehaltenen zwölf Referate verteilten sich auf die beiden Themenkomplexe "Aus- und Fortbildung von Lehrkräften" am Vormittag, wobei auch sprachlehrtheoretische Probleme angesprochen wurden, und "Einzeluntersuchungen" am Nachmittag.

Frau Prof. Xu Manhua versuchte in ihrem Beitrag zunächst die Kriterien herauszuarbeiten, die zur Entstehung einer eigenständigen Wissenschaft der Didaktik des Chinesischen als Fremdsprache führten, aber auch die Hindernisse und Vorurteile, die diese Entwicklung hemmten. Dabei postulierte sie klar definierte Zielsetzungen auf diesem neuen Fachgebiet, die eine den Anforderungen der ausländischen Studierenden entsprechende AusbiIdung erst ermöglichten. In weiteren Ausführungen ging sie auf typische didaktische Probleme, die mit den Eigenheiten der chinesischen Sprache (Schriftzeichen, Töne, spezielle Satztypen usw.) zusammenhängen und auf Ansätze zu ihrer Lösung ein, um abschließend Fragen der Methodik und Lernmotivation in der Praxis zu diskutieren.

Prof. George C.Y. Wang (Wang Qingyuan) sprach über die Hintergründe und Maßnahmen, die 1968 und 1969 die Durchführung von Fortbildungskursen für Chinesischlehrer an amerikanischen höheren Schulen und Grundschulen (colleges, high schools, elementary schools) an der Seton Hall University/New Jersey bedingten und ermöglichten. Da die Ausbildung von Lehrkräften für die bereits in den sechziger Jahren in den USA weit verbreiteten Chinesischkurse im Sekundar- und Primarbereich zu einem dringenden Problem wurde, gewährte die Bundesregierung die erforderlichen Finanzmittel für dieses Vorhaben. Die Kurse umfaßten die Fortbildung in chinesischer Sprache, in Linguistik, in Didaktik und Methodik, in chinesischer Kultur, im Abfassen von Lehr- und Übungsmaterialien sowie Besichtigungsprogramme. Die Teilnehmer waren Lehrer sowohl mit Chinesisch als auch mit Englisch als Muttersprache.

In seinem zweiten Beitrag wies Prof. Dr. Li Chen-ch'ing einleitend darauf hin, daß die rapide Zunahme von Chinesischlernenden in aller Welt eine noch nie dagewesene Herausforderung an die Qualifizierung von Lehrkräften für Chinesisch als Fremdsprache bedeute. Ausgehend von den Erfahrungen am Mandarin Training Center sei dabei die Ausbildung in interkultureller Kommunikation ein wichtiger pragmatischer Aspekt, d.h. die Auseinandersetzung und Beschäftigung des chinesischen Sprachlehrers mit dem spezifischen soziokulturellen Hintergrund seiner jeweiligen Zielgruppen ausländischer Studierender. Prof. Li führte typische Beispiele von 'Kulturschocks' und Lehrer-Schüler-Konflikten an, die dem gegenseitigen Nichtverstehen entspringen und das Chinesischstudium negativ beeinflussen, andererseits aber vermeidbar wären. Er hält deshalb diesbezügliche Maßnahmen für Chinesischstudierende und Ausbildungsprogramme für einheimische Lehrkräfte des Chinesischen als Fremdsprache für dringend erforderlich.

Die prinzipielle Notwendigkeit und Verpflichtung für Lehrer des Chinesischen als Fremdsprache, sich gezielt und systematisch aus- und fortzubilden, wurde im Referat von Prof. Zhang Weigeng umfassend diskutiert. Angesichts des großen Interesses in aller Welt am Chinesischstudium ist die Frage vordringlich, in welcher Weise ein adäquates und qualifiziertes Lehrkräftepotential verfügbar gemacht werden kann. Zum Anforderungsprofil eines einheimischen Lehrers sollten neben profunden Kenntnissen der chinesischen Sprache und Kultur sowie einer korrekten Aussprache und guter mündlicher Ausdrucksfähigkeit Kenntnisse in mindestens einer Fremdsprache und über den historisch-kulturellen Hintergrund der jeweiligen ausländischen Studierenden gehören. Als, teiIweise bereits an der Zhongshan-Universität erprobte, Fortbildungsmaßnahmen schlägt Prof. Zhang vor: (1) Studienaufenthalte an anderen Institutionen bei zeitweiliger Beurlaubung, (2) Teilnahme an kurzzeitigen Fortbildungskursen, (3) ein- bis zweiwöchige Informationsreisen an andere Institutionen. Als ständige qualifikationsfördernde Maßnahmen vor Ort bieten sich an: (1) Anleitung jüngerer Lehrkräfte durch ältere, erfahrene Lehrkräfte, (2) organisierte gegenseitige Unterrichtshospitationen und didaktischer Erfahrungsaustausch, (3) Sitzungen zur Diskussion neuer Theorien in- und ausländischer Sprachlehrforschung für die Anwendung im Unterricht, (4) Informationsbesuche bei ortsansässigen Hochschulinstitutionen.

Der auf Deutsch gehaltene Vortrag von Prof. Dr. Friedhelm Denninghaus, "Die neueren Tendenzen in der Sprachlehrforschung", war ursprünglich für den Arbeitskreis "Chinesisch an höheren Schulen" vorbereitet, dann aber auf mehrfachen Wunsch hin für das größere Auditorium des Symposiums eingeplant worden. Insbesondere seitens der ausländischen Teilnehmer bestand großes Interesse, zu diesem Thema einen Experten zu hören, der zur Entwicklung der modernen Didaktik der chinesischen Sprache in der Bundesrepublik maßgeblich beigetragen hat. Prof. Denninghaus umriß eingangs die Probleme und Aufgaben, die sich bei der früher oder später unumgänglichen Etablierung des Chinesischen als Schulfremdsprache ergeben. In seinen weiteren Ausführungen stellte er den institutionalisierten Fremdsprachenunterricht als historisch-gesellschaftliches Phänomen dar, wobei sich klar die einzelnen während des Referats genauer charakterisierten Entwicklungsetappen seit Mitte des vorigen Jahrhunderts im Sinne eines Fortschrittes der Methoden erkennen lassen. Seit den sechziger Jahren zeichnet sich etappenweise der Eintritt in eine neue Epoche der Fremdsprachendidaktik ab, die gekennzeichnet ist durch skill- und textsortenspezifische Differenzierung und durch die Beschränkung auf dementsprechende mehr oder weniger spezialisierte kommunikative Einzelkompetenzen, mit einer vorausgehenden expliziten Lernzielbestimmung. Hieraus leiten sich eine Reihe von Merkmalen und Prinzipien für die didaktisch-methodische Gestaltung von Fremdsprachenkursen ab.

Im ersten Beitrag zu den Einzeluntersuchungen besprach Prof. Pan Zhaoming fünf Aspekte der Anwendung der grammatischen Funktionswörter (xuci), die im Chinesischen nicht nur eine zentrale Rolle spielen, sondern auch ein besonderes Problem beim Erlernen der Sprache darstellen. Anhand prägnanter Beispiele wies er auf die häufigsten Fehlerquellen hin: die Verwechslung der grammatischen Funktionswörter untereinander, ihre stilistisch und strukturell nicht korrekte Anwendung, die Nichtbeachtung ihres semantischen oder grammatischen Bezuges, ihre falsche Stellung im Satz und ihr zu häufiger Gebrauch.

In seinem Referat kritisierte Prof. Dr. Wu Kuo-hsien (Wu Guoxian) einerseits die zu starke Betonung des Lesens und Schreibens zuungunsten des Hörens und Sprechens im traditionellen Chinesischunterricht, andererseits besorgniserregende Tendenzen der Abweichung von der Standardsprache des Hochchinesischen in allen Gesellschaftsschichten Taiwans. Prof. Wu demonstrierte typische Fälle für die nicht standardgemäße Aussprache von An- und Auslauten, für die Vernachlässigung des neutralen Tons und das Verschlucken von Silben und machte Vorschläge zur Verbesserung und stärkeren Beachtung der Standardaussprache in der Gesellschaft und durch behördliche Maßnahmen in Taiwan.

Dr. Wang Shouchun demonstrierte an einer Reihe von Beispielen die politisch und sozial bedingten Veränderungen in der Lexik und Wortverwendung in Taiwan und auf dem Festland seit über dreißig Jahren.

Frau Prof. Yang Qinghuis Referat bezog sich auf spezielle Ausdrucksformen der chinesischen Sprachstilistik (xiucixue), die durch verschiedene Arten der Kontextentlehnung oder durch Inversion einer wiederholten Wortfolge bestimmte Inhalte allegorischer oder satirischer Färbung vermitteln. In den letzten zehn Minuten berichtete Frau Prof. Yang noch über die an der Pädagogischen Universität Beijing seit wenigen Jahren bestehende Möglichkeit des Chinesischstudiums für Ausländer. Am dortigen Zentrum für Chinesisch als Fremdsprache werden sowohl Kurz- als auch Langzeitkurse durchgeführt.

In Abänderung ihres ursprünglich angekündigten Beitrages sprach Frau Linn Shan zum Thema "Yu shidai bingjin de Hanzi" ("Die zeitgemäße Entwicklung der chinesischen Schriftzeichen"). In einer eingehenden analytischen Betrachtung der Struktur und Textfrequenz der chinesischen Schriftzeichen, versuchte sie die immer wieder vorgebrachten Argumente zu widerlegen, daß deren Erlernen sehr schwierig und zeitaufwendig und ihre Anzahl sehr groß sei. Die gerade jetzt in der modernen Zeit sich offenbarenden Vorteile lägen in ihrer geographisch übergreifenden Anwendbarkeit, wortschöpferischen Flexibilität, strukturellen Schlüssigkeit und Logik und in ihrem im Vergleich mit anderen Schriftsystemen höheren Informationsgehalt. Auch die statistischen Ergebnisse, wonach z.B. nur 150 Zeichen schon 50% und 1050 Zeichen 95% eines durchschnittlichen Textes ausmachten, seien für den Lernenden ermutigend. Ebenfalls eine wesentliche Erleichterung sei die Aussprachestandardisierung durch die Pinyin-Transkription und die Vereinfachung der Schriftzeichen. Beide und andere Reformmaßnahmen wurden seit 1969 auch in Singapur realisiert. Weitere Vorteile bietet die neuerdings erfolgreiche Computerverarbeitung der Schriftzeichen. Abschließend stellte Frau Lin die von ihr verfaßten Lehrmaterialien vor.

In seinem Referat erläuterte Prof. Wang Zhenkun "Die Gliederung und Koordination des Chinesischunterrichts" ("Hanyu jiaoxue de cengci he xilie") am Beispiel des Curriculums des Zentrums für Chinesisch als Fremdsprache an der Nankai-Universität. Das Studium gliedert sich in drei Stufen je nach Vorkenntnissen der Studienanfänger, die im allgemeinen in ihrem Heimatland mindestens ein Jahr Chinesisch gelernt haben und an der Nankai-Universität ihre Sprachkenntnisse für 1-2 Jahre vertiefen. Der Schwerpunkt liegt dort in der berufspraktischen AusbiIdung und nicht in traditionellen sinologischen oder literaturwissenschaftlichen Studien. Entsprechend sind die einzelnen Fächer und Lehrmaterialien ausgerichtet. Daneben werden auch Kurzzeitkurse (Sommerkurse) abgehalten.

Vor die Abschlußdiskussion am Donnerstagabend wurde kurzfristig ein zwanzigminütiger Bericht von Herrn Joseph Shu (Xu Guangcun) über die Situation des Chinesischunterrichts in Frankreich, insbesondere an der Sorbonne 111, eingeschoben. Mit 1500-1800 Sinologie- bzw. Chinesischstudenten dürfte diese Institution die größte dieser Art außerhalb Chinas sein. Daß sich darunter, trotz eines erstmalig eingeführten Numerus clausus immerhin über 700 im ersten Studienjahr befinden (1985 gab es sogar über 1200 Studienanfänger!), zeigt, daß sich der große Ansturm auf dieses Studienfach in den letzten 1-2 Jahren nicht nur auf die Bundesrepublik beschränkt.

Chinesisch wird in Frankreich außerdem noch an einer Reihe anderer Universitäten, vorwiegend in Paris, und an über 40 höheren Schulen - teils sogar als zweite Fremdsprache - unterrichtet. Trotz vielfältiger Kontakte mit China existiert in Frankreich noch das gängige Vorurteil, daß die chinesische Sprache äußerst kompliziert sei. Die erste wichtige Aufgabe des Lehrers ist es, dieses Vorurteil mit gezielten methodischen Mitteln zu überwinden.

Das Symposium fand seinen Abschluß in der angekündigten Diskussion der Teilnehmer über die internationale Kooperation. Diskussionsleiter war Prof. Lü Bisong. Nach Dankesworten an die Veranstalter und die AFCh würdigte er eingangs die Tatsache, daß in Europa zum ersten Mal eine derartige Fachveranstaltung stattgefunden habe. Dies sei ein wichtiger Beitrag für die Förderung der internationalen Zusammenarbeit und des internationalen Austausches auf dem Gebiet Chinesisch als Fremdsprache.

In einem ungezwungenen Gedankenaustausch wurden folgende, teils schon auf vorherigen Sitzungen angeschnittene, teils spontan geäußerte Vorschläge und Fragen erörtert:

  • Sammlung und Veröffentlichung der Symposiumsbeiträge;
  • Aufnahme von Kooperationsbeziehungen zwischen den Kollegen Festland-Chinas und Taiwans durch die Vermittlung der AFCh;
  • organisierte Zusammenarbeit der Kollegen europäischer Länder;
  • Gründung einer Weltorganisation für Chinesisch als Fremdsprache;
  • Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung bei internationalen Projekten;
  • Entsendung von Gastdozenten aus beiden Teilen Chinas zur Verringerung des Lehrkräftedefizits in der Bundesrepublik;
  • Austausch von Ton- und Videoaufnahmen zwischen der Bundesrepublik und beiden Teilen Chinas.

Obgleich für die vielfältigen Planungs- und Durchführungsarbeiten des gesamten Tagungsprogrammes letztlich nur ein relativ kleiner Organisationsstab verfügbar war, fand der reibungslose und erfolgreiche Ablauf des Symposiums die ausdrückliche Anerkennung insbesondere der ausländischen Teilnehmer. Neben den vorzüglichen Konferenzbedingungen am Soester Landesinstitut begünstigten auch mehrere Anlässe für persönliche Begegnungen am Rande des Tagungsgeschehens, etwa im Rahmen eines Empfangsbüffets der AFCh oder beim berühmten braunen Korn in Westfalens ältestem Gasthaus, die freimütige und anregende Atmosphäre.

Der Veranstaltungstermin wurde zwar aufgrund des meistenorts gerade begonnenen Wintersemesters von vielen, durch den unerwartet großen Ansturm von Erstsemestern dienstlich überlasteten Kollegen im Inland als ungünstig empfunden. Aus der Sicht der internationalen Planung auf dem Gebiet Chinesisch als Fremdsprache allerdings markierte die Soester Begegnung eine wichtige Entwicklungsphase zwischen dem 1. und 2. Internationalen Symposium für Chinesisch als Fremdsprache 1985 und 1987 in Beijing und gab entscheidende Impulse für die Gründung eines Weltverbandes für Chinesisch als Fremdsprache im August 1987, der wir mit großen Erwartungen entgegensehen. Dieser Schritt wird zur weiteren Legitimierung und Konsolidierung des jungen Fachgebietes, sowohl in China selbst als auch in der Bundesrepublik und anderen Ländern, beitragen. Allerdings sind hierzu längerfristig in jedem Falle auch entschiedene kulturpolitische Förderungsmaßnahmen auf höherer, staatlicher Ebene notwendig.

Abschließend fand am Abend des 31. Oktober im Germersheimer Fachbereich Angewandte Sprachwissenschaft der Universität Mainz ein Empfang für die 17-köpfige Delegation der ausländischen Gäste durch Dekan Prof. Dr. Karl-Heinz Stoll statt, die danach z.T. noch andere Ziele in der Bundesrepublik besuchten. Ein spezielles Arrangement erwartete die Professoren Lü Bisong, Ren Yuan und Yang Qinghui, die sich auf Einladung der AFCh eine weitere Woche in der Bundesrepublik aufhielten und sich dabei an den Universitäten in Germersheim, Tübingen, Bonn und Trier über die Situation des Chinesischstudiums informierten. Gespräche im rheinland-pfälzischen Kultusministerium, bei der Stadt Mainz, beim Deutschen Akademischen Austauschdienst, in der chinesischen Botschaft und in einem Buchverlag in Bonn sowie touristische Einlagen rundeten das Programm ab, das nach gegenseitigen Delegationsbesuchen 1985 und 1986 der weiteren Vertiefung der Kooperationsbeziehungen zwischen AFCh und FChF diente.

Bericht über die Tagung des Arbeitskreises

Chinesisch an Höheren Schulen

Rotraut Bieg-Brentzel

Die Jahrestagung des Arbeitskreises "Chinesisch an Höheren Schulen" fand vom 28. bis 30. Oktober 1986 parallel zum Symposium "Förderung des Chinesischunterrichts im Rahmen des Kulturaustauschs mit China" statt. Das Programm versprach nicht nur eine Auseinandersetzung mit Problemen, die beim Chinesischunterricht an Gymnasien auftreten, sondern auch Informationen darüber, wie weit chinakundliche Themen überhaupt in der Sekundarstufe behandelt werden. Des weiteren sollte die Tagung einen Beitrag zur Entwicklung von Rahmenrichtlinien für Chinesisch leisten.

Bedauerlicherweise stellte sich zu Beginn der Tagung heraus, daß sieben Referate gestrichen worden waren, so daß das anspruchsvolle Programm nicht verwirklicht werden konnte. Die Sitzungen, die sich auf die Nachmittage beschränkten, waren anfangs gut besucht - ein Zeichen für das große Interesse, das dem Chinesischunterricht an Schulen entgegengebracht wurde - bröckelten dann aber ab, weil die Erwartungen der Teilnehmer offensichtlich nicht erfüllt werden konnten.

Auch die Kultusministerien, so war zu erfahren, unterstützen inzwischen die Bemühungen um dieses Fach: So ermöglicht Hamburg jetzt auch Chinesisch in der Sekundarstufe II mit der Möglichkeit der Anrechenbarkeit für das Abitur, in Hannover können Schüler auf Initiative des niedersächsischen Kultusministeriums Chinesisch in der Sekundarstufe I erlernen und in Nordrhein-Westfalen existiert der Beschluß, Rahmenrichtlinien für den Unterricht des Fachs Chinesisch zu entwickeln.

Um chinakundliche Themen stärker im Unterricht zu verankern, stellt die Landeszentrale für politische Bildung in Dortmund Fachreferenten für die Schulen zur Verfügung. Welches Gewicht China bisher im Unterricht hat, muß allerdings erst noch untersucht werden.

Die Aufgabe, Lehrpläne der Fächer Geschichte, Deutsch, Gemeinschaftskunde, Erdkunde, Religion und Ethik/Philosophie in den einzelnen Bundesländern auf chinakundliche Themen hin durchzuarbeiten, wie es auf der Jahrestagung 1985 beschlossen worden war, ist im vergangenen Jahr leider nicht umgesetzt worden, so daß die konkreten Fakten für eine Bestandsaufnahme von "China im Schulunterricht" noch fehlen. Die GDCF (Gesellschaft für deutsch-chinesische Freundschaft) plant allerdings, die wichtigsten Schulbücher in Bezug auf Chinathemen zu analysieren, wie Rüdiger Weigelin in seinem Referat betonte, um damit die Voraussetzung für eine bessere Verankerung chinakundlicher Fragen in der Schule zu schaffen. Marianne Altmeyer machte "Vorschläge für Entscheidungskriterien bei der Curriculumentwicklung"; hinsichtlich der Entwicklung von Rahmenrichtlinien ist es Herrn Prof. Dr. Denninghaus (Ruhr-Universität Bochum) zu verdanken, daß sich hier eine Initiative entwickelte und für den 24. Januar 1987 die Diskussion eines ersten Entwurfs in Bochum beschlossen wurde.